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Varietäten, Dialekte und ihre Klassifikation

Grundsätzlich mag es als Widerspruch erscheinen, eine non-territoriale Sprache wie das Romani in Dialekte zu untergliedern, deren Definition unter anderem nach territorialen Kriterien erfolgt. Der Umstand, dass man dem Romani im Gegensatz zu indigenen europäischen Sprachen wie dem Bretonischen, Sorbischen, Friesischen etc., auf deren Charakteristika die allgemeine Definition von "Minderheitensprache" basiert, keine klar definierten Verbreitungsgebiete innerhalb der Staaten Europas zuordnen kann, schließt jedoch Territorialität als Bestimmungskriterium nicht aus. Bereits die erste ernstzunehmende Klassifikation der Varietäten des Romani beruht indirekt darauf. Nach eingehender Analyse kommt Miklosisch (1872) zum Schluss, dass die Zugehörigkeit von Roma und in weiterer Folge die Klassifikation ihrer Romani-Varietäten

nicht durch den Staat, sondern durch die Nationalität bestimmt wird. Diese Gebundenheit gestattet die Eintheilung [...] in folgende dreizehn Gruppen: I. die griechischen [...], II. die rumunischen, III. die ungrischen, IV. die mährisch-böhmischen, V. die deutschen, VI. die polnisch-litauischen, VII. die russischen, VIII. die finnischen, IX. die skandinavischen, X. die italienischen, XI. die baskischen, XII. die englisch-schottischen, XIII. die spanischen. Miklosich (1872: 9)

Auf dem Hintergrund der Tatsache, dass Miklosich das zu seiner Zeit vorhandene Datenmaterial kritisch interpretiert und kompiliert, kann man folgern, dass es zumindest ab dem 18., vermutlich aber schon seit dem 17. Jahrhundert eine relativ stabile geographische Verteilung von Romani- Sprechergruppen in Europa gegeben haben dürfte, und dass sich diese Verteilung in den Kontaktphänomenen der einzelnen Romani-Varietäten manifestiert. Mithilfe der verschiedenen Entlehnstrata der dreizehn Gruppen gelingt es Miklosich auch die Migrationsroute der einzelnen Sprechergruppen in etwa nachzuvollziehen.1

Auch die Einteilung von Gilliat-Smith (1915) folgt einer impliziten Territorialklassifikation. Er unterscheidet die Romani-Dialekte des Nordostens Bulgariens abhängig von rumänisch-walachischen Entlehnungen in Vlax- und Non-Vlax-Varietäten. Obwohl diese [± walachisch] Dichotomie aufgrund der Negativdefinition eines Großteils an Varietäten nur wenig Aussagekraft hat, wird sie bis heute verwendet.

Ausgehend von dieser Klassifikation werden in weiterer Folge die Non-Vlax-Varietäten unterteilt, wobei die von Kaufman (1979) eingeführten Gruppen bzw. Untergruppen "Balkan, Baltic, Carpathian" bis heute in der elektronischen Dokumentation des Romani von Bedeutung sind. Als Elemente des ISO 639-3 Code werden sie sowohl von der Open Language Archives Community als auch im Rahmen des Ethnologue empfohlen bzw. verwendet. Romani wird in diesem Zusammenhang als "macrolanguage" mit sieben "member languages" gesehen.

http://www.ethnologue.com/show_language.asp?code=rom
type name code
MACROLANGUAGE ROMANY rom
member languages Romani, Balkan rmn
Romani, Baltic rml
Romani, Carpathian rmc
Romani, Kalo Finnish rmf
Romani, Sinte rmo
Romani, Vlax rmy
Romani, Welsh rmw

Der Code für Romani als "macrolanguage" ist relativ einfach ein- und umsetzbar. Die Problematik dieser Klassifikation liegt in der definitorischen Inkonsistenz der einzelnen "member languages": "Welsh" ist ein heute höchstwahrscheinlich ausgestorbener Dialekt, "Kalo Finnish" eine isolierte Varietät, "Sinte" steht für einen Großdialekt oder Dialektcluster und bei "Balkan, Baltic, Carpathian, Vlax" handelt es sich um Varietätengruppen.2

Unabhängig von dieser Klassifikation in "macrolanguage" und "member languages" werden die Non-Vlax-Varietäten in der weiteren Entwicklung der Romani-Linguistik in drei Zweige unterteilt, wodurch sich eine Gliederung in die vier Dialektgruppen Balkan, Nördlich, Vlax, Zentral ergibt, die von Bakker (1999: 178) als "consensus branching of Romani dialects" bezeichnet wird und auch dem Dialektatlas von Boretzky/Igla (2004) zugrunde liegt. Zwar stützt sich diese Klassifikation auf diagnostische Merkmale – lexikalische und strukturelle Archaiismen bzw. Innovationen – und bezieht die Migrationsgeschichte ein, bleibt aber bis zu einem gewissen Grad unsystematisch und intuitiv. Erst die Romani Morphosyntax Database des Manchester Romani Projects ermöglicht die notwendige systematische datenbasierte Analyse, um die Varietäten des Romani nach dialektologischen Kriterien zu gliedern.3

Ideally, ..., a comprehensive classification of Romani dialects should take into account both the branching of individual groups through migrations, as well as the geographical diffusion of innovations through neighbouring Romani communities. Both kinds of developments may give rise to isoglosses – the differentiating features that can be taken as a basis for dialect classification. Matras (2002: 215)

Die Analyse von Matras bestätigt in etwa die Gruppierungen in Vlax- Balkan- und zentrale Dialekte, jedoch nicht die nördliche Gruppe, da sich diese fast ausschließlich nur über Archaismen definiert, die als diagnostische Merkmale einen bei weitem geringeren Stellenwert haben als Innovationen. Berücksichtigt man primär letztere und stellt diese in Zusammenhang mit der Migrationsgeschichte, ergibt sich die im folgenden aufgelistete grobe Gliederung in Balkan, Vlax, Zentral, Nordöstlich, Nordwestlich, Britisch und Iberisch.

Balkan-Dialekte

Balkan-Dialekte, auch als Balkan I bezeichnet, werden in Albanien, Bulgarien, Griechenland, im Iran und im Kosovo, in Mazedonien, Moldavien, Rumänien, Serbien sowie in der Türkei und der Ukraine gesprochen. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem Arli-Romani (Griechenland, Kosovo, Mazedonien), Sepečides-Romani (Griechenland, Türkei), Ursari-Romani (Moldavien, Rumänien) und Krim-Romani (Ukraine).4

Konstitutive Merkmale:

sine 'er/sie war'
ov, oj, on 'er, sie.sg, sie.pl' Personalpronomen
mo, to 'mein, dein' Possessivpronomen
akava, adava Demonstrativpronomen
-in- (-iz-) Lehnverbmarker (in der Schwarzmeerregion)
-en/kerden 'sie machten' 2.pers.pl.perf
ka (ma) Futurpartikel

Zis-Dialekte

Zis-Dialekte, auch als Balkan II bezeichnet, bilden eine eigene Untergruppe innerhalb der Balkan-Gruppe. Bugurdži-, Drindari- und Kalajdži-Romani werden in Nord- und Zentral-Bulgarien sowie in Mazedonien und im Kosovo gesprochen.

Konstitutive Merkmale:

zis 'Tag', zi 'Seele'
buci 'Arbeit', cin- 'kaufen'
mo, to 'mein, dein' Possessivpronomen
-iz- Lehnverbmarker

Karte der Balkan-Dialekte mit den Zis-Dialekten darin

Vlax-Dialekte

Südvlach-Dialekte

Südvlach-Dialekte werden in Albanien, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Griechenland, Serbien, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, im Süden Rumäniens und in der Türkei gesprochen. Diese Gruppe umfasst u.a. die Dialekte der Gurbet, Kalburdžu und Čergara.

Konstitutive Merkmale:

seha/sesa 'er/sie war'
vov, voj, von 'er, sie.sg,sie.pl' 3.pers> Personalpronomen
mənro, čo 'mein, dein' Possessivpronomen
gava Demonstrativpronomen
-isar- Lehnverbmarker
-en/kerden 'sie machten' 2.pers.pl.perf
ka Futurpartikel
-em/sem 'ich bin' 1.pers.sg.perf
-uri/-ura Pluralsuffixe
in/ni Negationspartikel
a- in ašunav 'ich höre' prothetisches -a
buči 'Arbeit', dživeh 'Tag', marno 'Brot', dej 'Mutter'

Karte der Vlach-Dialekte

Nordvlach-Dialekte

Nordvlach-Dialekte werden in Rumänien, Moldawien, Ungarn und Serbien sowie von Migranten auf der ganzen Welt gesprochen. Am weitesten verbreitetet sind die Dialekte der Kalderaš- und Lovara, bekannt ist auch das in den USA gesprochene Mačvaja-Romani.

Konstitutive Merkmale:

sas 'er/sie war'
vov, voj, von 'er, sie.sg, sie.pl' 3.pers Personalpronomen
muro, čiro 'mein, dein' Possessivpronomen
-isar- Lehnverbmarker
-en/kerden 'sie machten' 2.pers.pl.perf
či Negationspartikel
-em 1.pers.sg.perf
-uri/-ura Pluralsuffixe
buči, bukji 'Arbeit', džes 'Tag', šavo 'Kind', žanav 'ich weiß', manro, manřo 'Brot', dej 'Mutter', khanči 'nichts'

Zentrale Dialekte

Südliche zentrale Dialekte

Südliche zentrale Dialekte des Romani werden im ehemaligen ungarischen Großraum, in Nord-Slowenien, Ostösterreich, Rumänien, der Slowakei und der Ukraine sowie im heutigen Ungarn gesprochen. Dazu zählen u.a. das Burgenland-Romani, das Vend-Romani in Ungarn, das slowenische Prekmurje-Romani und die Romungro-Dialekte Ungarns und der Slowakei.

Konstitutive Merkmale:

sina 'er/sie war'
ov, oj, on 'er, sie.sg, sie.pl' 3.pers Personalpronomen
ada Demonstrativpronomen
-in- Lehnverbmarker
-al/sal 'du bist' 2.pers.sg.perf
-eha/kereha 'du wirst machen' 2.pers.sg.fut
-ahi [- perfektiv]
di 'Tag', leha 'mit ihm', maro 'Brot'

Karte der zentralen Dialekte

Nördliche zentrale Dialekte

Nördliche zentrale Dialekte werden in Polen, der Slowakei und der Tschechischen Republik sowie in der Ukraine gesprochen. Dazu zählen u.a. das Ost-Slowakische oder Servika-Romani und der Dialekt der polnischen Bergitka Roma.

Konstitutive Merkmale:

ehas/has 'er/sie war'; hin 'er/sie ist
jov, joj, jon 'er, sie.sg, sie.pl' 3.pers Personalpronomen
kada Demonstrativpronomen
-in- Lehnverbmarker
-al/sal 'du bist' 2.pers.sg.perf
-eha/kereha 'du wirst machen' 2.pers.sg.fut
-as [- perfektiv]
leha 'mit ihm', maro 'Brot'

Nördliche Dialekte

Nordöstliche Dialekte

Nordöstliche Dialekte werden in Estland, Lettland, Litauen, Polen, Russland, der Ukraine und in Weißrussland gesprochen. Dazu zählen u.a. die Varietäten der Polska-Romani, das Nord-Russische oder Xaladitka-Romani, das lettische Lotfitka-Romani und die litauischen Dialekte.

Konstitutive Merkmale:

isys 'er/sie war'
jov, joj/jej, jone 'er, sie.sg, sie.pl' 3.pers Personalpronomen
adava, dava Demonstrativpronomen
-in- Lehnverbmarker
-e/kerde 'ihr machtet' 2.pers.pl.perf
-a/kerdja 'er/sie machte' 3.pers.sg.perf
-ine/kerdine 'sie machten' 3.pers.pl.perf
pšal 'Bruder', maro 'Brot'

Karte der nördlichen Dialekte

Nordwestliche Dialekte

Nordwestliche Dialekte werden hauptsächlich in Belgien, Deutschland, Frankreich, Finnland, Italien, in den Niederlanden sowie in Österreich und Schweden gesprochen. Zu dieser Gruppe rechnet man u.a. die Varietäten des Sinti-Manuš-Clusters in Deutschland, Frankreich und den angrenzenden Staaten und Regionen sowie das Romani der Kaale in Finnland und Schweden.

Konstitutive Merkmale:

his 'er/sie war', hom 'ich bin', ho 'was' nur Sinti
jov/job, joj, jon 'er, sie.sg, sie.pl' 3.pers Personalpronomen
kava Demonstrativpronomen
-av-/-ar- Lehnverbmarker
-al/sal 'du bist' 2.pers.sg.perf
leha 'mit ihm', maro 'Brot', dīves 'Tag'

Zur nordwestlichen Gruppe zählt auch das Skandoromani der in Schweden, Norwegen und vermutlich auch in Dänemark lebenden Resande, die abwertend auch als Tattare bezeichnet werden. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Para-Romani-Varietät. Im Gegensatz zu den flektierenden Varietäten des Romani, sind Para-Romani-Varietäten Ethnolekte der jeweiligen Mehrheitssprache mit in erster Linie lexikalischen Elementen aus dem Romani. Nach erfolgtem Wechsel zur Mehrheitssprache bzw. teilweiser sprachlicher Assimilation fungiert ein derartiger Ethnolekt einerseits als linguistischer Identitätsfaktor andererseits aber auch als ein Außenstehenden unverständlicher Geheimcode. Häufig sehen Sprecher eines Ethnolekt diesen als ihre "Romani-Sprache".

Dialekt-Gruppen und Dialekte mit eigenständiger Entwicklung

Dialekt-Gruppen und Dialekte mit eigenständiger Entwicklung sind u.a. die Romani-Varietät der in Slowenien ansässigen Gopti, Hrvati, Dolenjski- oder Istriani-Roma5 und die süditalienischen Dialekte Abruzzese- und Kalabrese-Romani. Bei letzteren handelt es sich um frühe Abspaltungen der Balkan-Gruppe. Zu dieser sind auch die im Iran gesprochenen Varietäten Romano und Zargari zu rechnen.

Britische Dialekte

Britische Dialekte, von denen der bekannteste, das von Sampson (1926) beschriebene Walisische Romani, heute wohl ausgestorben ist, sind in den verschiedenen Varietäten des Angloromani erhalten. Dabei handelt es sich um ein Pararomani, das von seinen Verwendern, die sich selbst als Gypsies bezeichnen, als ihr Romani gesehen wird.6

Iberische Dialekte

Iberische Dialekte des Romani sind ebenfalls nur noch in Pararomani-Varietäten erhalten: neben der baskischen Varietät des Errumantxela, existieren heute noch kastilische und katalanische Ethnolekte, die unter der Bezeichnung Caló zusammengefasst werden.

Fasst man diese Auflistung zusammen ergibt sich die folgende Gliederung, in der von den erwähnten Dialekten nur das Dolenjski-Romani vernachlässigt ist:

Gruppierungen / Dialekte bzw. Varietäten / (Pararomanivarietäten) / DIALEKTCLUSTER

1. ^ Siehe dazu ausführlicher Matras (2002: 218f.)

2. ^ Trotz dieser offensichtlichen Unzulänglichkeiten, die auf dem Hintergrund der in der weiteren Folge präsentierten heute gängigen Klassifikation noch deutlicher werden, sind die ISO 639-3 Codes der "member languages" nicht zu vernachlässigen, handelt es sich dabei ja um den allgemein anerkannten elektronischen Definitionsstandard des Romani und seiner Varietäten. Im ROMLEX-Projekt, der lexikalischen Dokumentation der Romani-Varietäten wurde das Problem durch die Erweiterung des ISO-Codes um einen vierten Buchstaben gelöst. Beispielsweise haben die Vlax-Varietäten Gurbet-, Kalderaš- und Lovara-Romani die Codes [rmyg], [rmyk], und [rmyl], Arlije und Bugurdži als Balkanvarietäten [rmna] bzw. [rmnb], Burgenland-Romani ist als Carpathian-Varietät mit dem Code [rmcb] definiert. An letzterem Beispiel wird die Problematik dieser Vorgangsweise deutlich: Burgenland-Romani ist eine südzentrale Varietät, wohingegen die Carpathian-Definition von Kaufman nur die nordzentralen Varietäten umfasst. Auf diese Unterscheidung in nord- und südzentral wird weiter unten eingegangen.

3. ^ Informationen zur Romani Morphosyntax Database finden sich auf der Web Site des Manchester Romani Projects.

4. ^ Die Angaben zu den einzelnen Dialekten beziehen sich auf die ursprünglichen Verbreitungsgebiete, die in etwa durch die Kontaksprachenklassifikation von Miklosich festgelegt sind. Rezente Migrationen sind nicht berücksichtigt. Beispielsweise sind Arli-Sprecher heute in fast allen Staaten Westeuropas und darüber hinaus (USA, Australien, etc.) anzutreffen. Gleiches gilt im übrigen auch für die anderen Dialektgruppen. Die im folgenden für die einzelnen Gruppen aufgelisteten Merkmale folgen der Beschreibung von Matras auf der Web Site des Manchester Romani Projekts.

5. ^ Siehe dazu Cech (2007).

6. ^ Siehe dazu Matras (2010).