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Syntax1

Im Gegensatz zu neu-indo-arischen Sprachen mit Verbendstellung bzw. SOV-Stellung im sogenannten neutralen Aussagesatz hat das Romani grundsätzlich (S)VO-Stellung:

maiñne laṛkī dekhī
S O V 'Ich sah ein Mädchen.' Hindi
ich Mädchen sah
(me) dikhlom rakľa
(S) V O 'Ich sah ein Mädchen.' Romani
ich sah Mädchen

Wie die Klammern in obigen Beispiel andeuten sind Pronominalsubjekte im Romani, da in der Verbalendung kodiert, fakultativ. Die Stellung des Subjekts zeigt Varianz zwischen kategorisch kontrastiver SV-Stellung, die – wie in obigem Beispiel – dem neutralen Aussagesatz entspricht, und thetisch kontinuativer VS-Stellung, wie in der folgenden Schlusssequenz aus einem Lovara-Märchen.2

Kadej šudas o Rom e benges perdal. Taj tradine penge. Šingerdas pe o beng ande xoli, sa mundardas pe ande stanki.

'So überlistete der Rom den Teufel. Und sie fuhren ab. Der Teufel aber platzte vor Zorn und fuhr in die Felsen.'

Der Wandel in der grundsätzlichen Wortstellung von SOV zu SVO ist ebenso Ergebnis der Europäisierung des Romani durch Kontakt mit dem Griechischen und in der weiteren Folge mit Balkansprachen wie die bereits oben erwähnte Dichotomie zwischen faktischen und nicht-faktischen subordinierenden Konjunktionen. Zu diesen Innovationen sind des weiteren der Relativsatz, die Verwendung von Präpositionen und der bestimmte Artikel zu rechnen; Phänomene, die in den neu-indo-arischen Sprachen am indischen Subkontinent grundsätzlich nicht auftreten.

Nominalphrase

Die Präposition steht immer an erster Stelle in der Nominalphrase, die neben einem KOPFNOMEN, einem Substantiv oder Pronomen, [fakultative] Konstituenten in einer prinzipiell feststehenden Reihenfolge umfassen kann:

[Präposition] + [Determinator] + [Quantifikator] + [Adjektiv] + NOMEN + [ optional]

Das folgende Beispiel, eine Präpositionalphrase mit postponierter Nominalphrase als optionaler Erweiterung, zeigt sämtliche möglichen Konstituenten einer Nominalphrase:

'zwischen den zwei älteren Brüdern meines Vaters'
maškar o duj phureder phrala mre dadeskere
Prep Det.nom.pl. Num Adj.comp SUBST.nom.pl Pron.obl Subst.obl.gen.pl
zwischen die zwei älter Brüder meines Vaters

Wie obiges Beispiel andeutet, stehen Substantive nach Präpositionen in der Regel im Nominativ. Ausnahmen hiervon sind das bereits erwähnte bi 'ohne' und vaš 'wegen', die einerseits den Genitiv, andererseits den Dativ fordern:

bi grasteskero 'ohne Pferd'
vaš brišindeske 'wegen Regen'

Im Gegensatz zu den Substantiven, die in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle und Varietäten im Nominativ stehen, sind Pronomen nach Präposition in der Regel mit dem Lokativ markiert:

maškar amende 'zwischen uns'
upre tute 'über dir'

Eine weitere, bereits im Kapitel Morphologie behandelte Besonderheit des Romani ist die Genitivnominalphrase mit ihrer Doppelrektion, wobei der Kasus des determinierenden Artikels mit dem Genitivattribut korreliert, dieses wiederum in Kasus, Numerus und Genus mit dem Kopfnomen:

le dadeskeri angrusti 'des Vaters Ring' / 'der Ring des Vaters'
le dad-es-ker-i angrusti
det.obl subst-obl.sg-gen.sg-nom.sg.fem subst.nom.sg.fem

Wie das einleitende Beispiel zeigt, können Genitivsubstantive auch die optionale Stelle nach dem Kopfnomen einnehmen, wobei die Doppelrektion jedoch unverändert bleibt, wie auch das folgende Beispiel aus dem Lovara-Romani mit von -ger- zu -g- kontrahiertem Genitivpluralsuffix zeigt:

kher le dilengo 'Haus der Irren' / 'Irrenhaus'
kher le dil-en-g-o
subst.nom.sg.mask det.obl subst-obl.pl-gen.pl.-nom.sg.mask

Während die postnominaler Position von Genitiven in einigen Romani-Varietäten als Option quasi systemisch sind, haben dem Kopfnomen der Nominalphrase nachgestellte Attribute in der Regel diskurspragmatische Funktionen:

... lengere rakle čore mule. '... ihre (pl) Kinder (die) armen starben.'

Verbstellung

Die Position des Verbs hängt – wie einleitend gezeigt – in Bezug auf das Subjekt von diskurspragmatischen Faktoren ab. Ähnliches, wenn auch in abgeschwächter Form, gilt für seine Stellung in Bezug auf das Objekt. In der Regel steht das Verb in der von Boretzky (1996) als konservativer Typ des Romani definierten Wortstellung – (S)VO – vor dem Objekt. Das gilt insbesondere für Pronominalobjekte: Auch im Burgenland-Romani, das ebenso wie alle anderen Varietäten der Vend-Gruppe der südzentralen Dialekte eine kontaktinduzierte Tendenz zur Verbendstellung hat, stehen direkte Pronominalobjekte in der Regel nach dem Verb:

diklom len 'ich sah sie (pl)'

Hingegen stehen nominale Objekte im Burgenland-Romani – höchstwahrscheinlich aufgrund des Einflusses ungarischer Kontaktvarietäten – häufig vor dem Verb:

Idž leskero nevo auteri diklom. 'Gestern sah ich sein neues Auto.'

Indirekte Objekte stehen in der Regeln nach direkten. Die Stellung des Verbs im Fragesatz ist gleich der im Aussagesatz.

Dikhav le grasten. 'Ich sehe die Pferde.'
Dikhes le grasten? 'Siehst du die Pferde?'

Kontaktinduzierte Wortstellung ist ein Charakteristikum des Romani, das es mit vielen anderen dominierten Sprachen teilt. Sie ist in erster Linie im Plurilingualismus erwachsener Roma und der Dominanz der primären Kontaktsprache, der jeweiligen Mehrheitssprache begründet. Die daraus resultierende, in diesem Abschnitt angedeutete kontaktinduzierte Varianz im Romani setzt sich in der folgenden Beschreibung komplexer Sätze fort.

Komplexe Sätze

Die Wortstellung in Nebensätzen ist in der Regel gleich der in Hauptsätzen und zeigt die beschriebene (S)VO Anordnung.

Relativsätze

Wie andere europäische Sprachen auch, hat das Romani Relativsätze. Die am häufigsten auftretenden relativsatzeinleitenden Elemente ('relativiser') sind kaj 'wo' und so 'was'.

i zumi, so kerďa lenge, ... 'die Suppe, die sie ihnen machte, ...'
o murš, kaj alo idž, ... 'der Mann, der gestern kam, ...'

Wenn das Kopfnomen des Relativsatzes nicht die Subjektrolle innehat, sind resumptive Pronomen obligatorisch. In dieser Funktion findet man kon 'wer' und savo 'welcher', die mit dem Bezugsnomen des Hauptsatzes korrelieren.

le gadžes, kaskero le grasten si, ... 'den Gadžo, dem die Pferde gehören, ...'
panč džene, saven khera si, ... 'fünf Leute, die Häuser besitzen, ...'

Verbkomplemente

Ergänzungen epistemischer Verba, die unabhängige und reale Vorgänge bzw. Zustände bezeichnen, sind durch die faktische bzw. epistemische Konjunktion kaj gekennzeichnet, modale Komplemente hingegen durch die non-faktische bzw. modale Konjunktion te, die in einigen Varietäten als ti auftritt.

phenen, kaj lakero phral dikhla la, ... 'sie sagen, dass ihr Bruder sie (sg) sah, ...'
o X. mangela ti čumidel la, ... 'X will sie küssen'

Während für te/ti in der Regel selten rezenten Entlehnungen auftreten, wird kaj häufig ersetzt: In Vlax-Varietäten durch das funktional äquivalente rumänische bzw. ke ; in Varietäten unter griechischem Einfluss durch das ebenfalls äquivalente griechische oti; in zentralen Varietäten durch das ungarische hod/hodž/hod’/hot/hoj < hun hogy.

Nach Matras (2002: 180) kennzeichnet die Konjunktion te/ti modale und aspektuelle Verbkomplemente sowie direktive Aussagen.

kamen grasten te bikinel 'sie wollen Pferde verkaufen'
astaren te khelen 'sie beginnen zu tanzen'
adava te keres 'das sollst du machen'

Im ersten Beispiel markiert te die Ergänzung des Modalverbs 'wollen' im zweiten die des inchoativen Verbs astaren 'beginnen'. Das dritte Beispiel ist ein direktiver Sprechakt, der im Deutschen mit dem Modalverb 'sollen' wiedergegeben wird.

Adverbialsätze

Im allgemeinen sind Adverbialsätze durch semantisch spezifizierte Konjunktionen gekennzeichnet, die sich grob in drei Kategorien unterscheiden lassen: Die ersten beiden bilden die Konjunktionen kaj und te, die sich – wie auch in ihrer Funktion als Verbkomplemente – bezüglich ihrer Faktizität unterscheiden. Die dritte Kategorie umfasst all jene subordinierenden Konjuktionen, die von Interrogativa abgeleitet sind oder solchen entsprechen. Das non-faktische te/ti leitet Final-, Konditional- und Konsekutivsätze ein.

phenďom lake, te anel amenge mol 'ich sagte ihr, für uns Wein zu bringen'
te sas man baxt, ... 'wenn ich Glück hätte, ...'
buti kerel, bi te kerel love 'er arbeitet, ohne dass er Geld verdient'

Demgegenüber leitet kaj Kausalsätze ein:

avav, kaj akarďan man 'ich komme, weil du mich gerufen hast'

Ein Beispiel für die dritte Kategorie ist das Interrogativpronomen kana 'wann' in seiner Funktion als Konjunktion in simultan-temporaler Bedeutung:

arakhav, kana soves 'ich wache, während du schläfst'

Daneben finden sich varietätenspezifische Entlehnungen, die entweder ursprüngliche Konjunktionen vollständig ersetzen oder mit diesen gemeinsam auftreten und Kombinationen aus Elementen der drei Kategorien mit entlehnten Konjunktionen, Präpositionen und anderen Partikeln. Die folgende Tabelle gibt eine unvollständige Auflistung von Nebensatztypen und Konjunktionen nach rein semantischen Kriterien:3

final te/ti, kaj te, hot te, kə te, ja te, či te damit, dass, um zu
konditional te, bi/by, ako, -se, kana, kada, an te; ob te, či/čy, dali, li, mi wenn, falls, sofern
konsekutiv te/ti, kaj te, hot kaj; bi te, oni te sodass; ohne dass
kausal kaj, kə/ke, vajl, anda kodo ke, sostar, soske, sar, adake, sar, sebepi kaj, afu, jati, zere, bo, mer, jer, lebo, pošto weil, da
konzessiv xoč, hjaba kaj, trocdem kaj, sa jekh ke, jeva obwohl, obschon, obgleich, wenngleich, trotzdem, ...
lokal kaj; katar wo, wohin; woher
temporalanterior sar/syr/har, angla sar, angla kodo ke, bi te na, prin te; dži kaj, dži te, bis te, džikim, bisko, medig bevor; seitdem
temporalsimultan kana, kada/keda, sar/har/syr, kaj, so, afu während, als
temporalposterior kana, kada/keda, sar/har/syr, kaj, so, posle, čim, pala kodo ke, akana, jekh kaj, jekh ta nachdem

1. ^ Die Behandlung der Syntax richtet sich im allgemeinen nach der Darstellung in Matras (2002: 165-190).

2. ^ Matras (2002: 169 f.) diskutiert in Anschluss an Holzinger (1993: 274) die diskurspragmatische bzw. textlinguistische Funktion dieser Unterscheidung im Hinblick auf Kontinuität, Konnektivität und Konsekutivitat.

3. ^ In einzelnen Varietäten kann sich durchaus ein von dieser Auflistung abweichendes Bild ergeben.