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Soziolinguistik

Die soziolinguistische Situation des Romani ist Resultat bzw. Reflex des soziopolitischen Status und der soziokulturellen Situation seiner Sprecher. So gesehen ist das Romani eine

  • primär gesprochene,
  • funktional restringierte,
  • dominierte,
  • staatenlose

Diasporasprache ohne monolinguale Sprecher.1

Romani ist eine mündlich tradierte Sprache mit einer relativ kurzen, nur einige Jahrzehnte zurückreichenden Schrifttradition. Da sich bisher auch kein allgemein akzeptierter Standard herausgebildet hat, gibt es auch keinerlei präskriptive Normen. Dieser linguistische Befund entspricht der soziopolitischen Situation der Roma: politisch, ökonomisch und kulturell marginalisiert, ethnisch stigmatisiert, diskriminiert und verfolgt bis hin zum Genozid war es den Roma nur möglich in kleinen Gruppen zu (über)leben, was sowohl in geographischer als auch sozialer Heterogenität resultiert, die bis heute andauert. Folglich hatten und haben Roma auch keinerlei Teilhabe an politisch-ökonomischer Macht und entwickelten deshalb auch keine derartigen Machtzentren, die in der Regel Grundlage für die Herausbildung einer normierten Standardvarietät sind. Im übrigen erklärt die skizzierte soziohistorische Situation der Roma, warum das Romani als eine Diasporasprache charakterisiert ist.

Sprachgebrauch

Die meisten Roma verwenden das Romani nur im gruppeninternen Kontakt. Aufgrund dieser Reduktion auf private Domänen des sozialen Mikrokosmos ist das Romani funktional gesehen eine Intimvarietät oder "Gruppensprache". Erwachsene Romani-Sprecher sind deshalb auch immer plurilingual und verwenden in öffentlichen Domänen und auch in alltäglichen Gesprächssituationen verwenden in der Regel die dominante Sprache bzw. die dominanten Sprachen der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung. Folglich kann man Romani-Sprecher als non-monolingual charakterisieren. Die Dominanz der Mehrheitssprachen verdeutlicht das folgende Modell des kollektiven Repetoire von Romanispprechern2

Repertoire 1: Sprachgebrauch von Sprechern vitaler (Vlach)Varietäten

öffentlich MEHRHEITSSPRACHE(N) Varietäten öffentlich-formeller Domänen: Medien, Religion, (höhere) Bildung, Gericht, Behördenkontakte, etc.
alltäglich MEHRHEITSSPRACHE(N)
Romani
Varietäten von Alltagsdomänen des sozialen Makrokosmos im Kontakt mit Bekannten (Arbeitsplatz, Schule, etc.) und mit Unbekannten auf der Straße, beim Einkaufen, etc.)
privat Mehrheitssprache(n)
ROMANI
Varietäten privat-informeller Domänen des sozialen Mikrokosmos im Kontakt mit dem Partner/der Partnerin, in der Familie, mit engen Freunden, etc.

Repertoire 1 zeigt die gesamte funktionale Bandbreite, die u.a. im Fall des Kalderaš-Romani gegeben ist, das sowohl in der internen Kommunikation dominiert als auch im Kontakt mit Angehörigen anderer Vlachgruppen verwendet wird. Bei den meisten anderen Romagruppen wird das Romani jedoch kaum bis überhaupt nicht in alltäglichen Situationen des sozialen Makrokosmos verwendet, sondern ist auf die gruppentinterne Kommunikation beschränkt, wobei in vielen Fällen auch im sozialen Mikrokosmos bereits die Mehrheitsprache(n) dominieren. Aufgrund dieser Dominanz der Mehrheitssprachen im Repertoire von Romani-Sprechergruppen – nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch im Alltag und im Privaten – kennzeichnet das Romani als dominierte Sprache.

Repertoire 2: allgemeiner Romani-Sprachgebrauch

öffentlich MEHRHEITSSPRACHE(N) Varietäten öffentlich-formeller Domänen: Medien, Religion, (höhere) Bildung, Gericht, Behördenkontakte, etc.
alltäglich MEHRHEITSSPRACHE(N) Varietäten von Alltagsdomänen des sozialen Makrokosmos im Kontakt mit Bekannten (Arbeitsplatz, Schule, etc.) und mit Unbekannten auf der Straße, beim Einkaufen, etc.)
privat MEHRHEITSSPRACHE(N)
Romani
Varietäten privat-informeller Domänen des sozialen Mikrokosmos im Kontakt mit dem Partner/der Partnerin, in der Familie, mit engen Freunden, etc.

Dieses asymmetrische Verhältnis gegenüber den Mehrheitssprachen resultiert nicht nur in der aufgezeigten funktionalen Einschränkung, sondern bewirkt auch in starkem Druck der Mehrheitssprachen auf das Romani. Dieser massive Einfluss äußert sich sowohl in unterschiedlichen Kontaktphänomenen von lexikalischen Entlehnungen über die Übernahme von phonologischen und morphologischen Charakteristika von Mehrheitssprachen ins Romani bis hin zu pragmatischer und idiomatischer Isomorphie. Diese Übernahme bzw. Wiedergabe von Merkmalen und Mustern verschiedener Mehrheitssprachen in einzelnen Romani-Varietäten bewirkt u.a. deren Unterschiede, was auch zu Verständnisproblemen zwischen Sprechern unterschiedlicher Varietäten führen kann. Das geht manchmal so weit, dass Sprecher einer Varietät die Varietät einer anderen Gruppe als andere Sprache erachten. Grundsätzlich sind Verständigungsprobleme zwischen Sprechern unterschiedlicher Varietäten jedoch auf die erwähnte funktionale Restriktion zurückzuführen. Gäbe es eine zwingende Notwendigkeit, Romani im Inter-Group-Kontakt oder auch im öffentlichen Kontext regelmäßig zu verwenden, würde es auch diesen Ansprüchen genügen. Die Fähigkeit bzw. die Möglichkeit wechselnden bzw. zusätzlichen kommunikativen Bedürfnissen seiner Sprechergruppe angepasst zu werden, ist jeder natürlichen Sprache inhärent. Obwohl Romani seit einigen Jahrzehnten auch geschrieben wird, hat sich bisher kein allgemeiner Bedarf ergeben, es in allen Kontexten zu verwenden und es funktional in sämtliche Bereiche des Alltags und der Öffentlichkeit zu expandieren. In der Inter-Group-Kommunikation wird es abgesehen von Kontakten zwischen benachbarten Sprechern ähnlicher Varietäten in der Regel nur von auf internationaler Ebene tätigen Aktivisten verwenden, die willens und fähig sind, lexikalische und strukturelle Unterschiede so weit zu kompensieren, dass diese das wechselseitige Verständnis nicht behindern. Das gilt sowohl für den schriftlichen als auch den mündlichen Gebrauch des Romani in formalen Domänen.

Repertoire 3: Sprachgebrauch von international aktiven Roma-Vertretern

öffentlich MEHRHEITSSPRACHE(N)
Romani
Varietäten öffentlich-formeller Domänen: Medien, Religion, (höhere) Bildung, Gericht, Behördenkontakte, etc.
alltäglich MEHRHEITSSPRACHE(N)
Romani
Varietäten von Alltagsdomänen des sozialen Makrokosmos im Kontakt mit Bekannten (Arbeitsplatz, Schule, etc.) und mit Unbekannten auf der Straße, beim Einkaufen, etc.)
privat MEHRHEITSSPRACHE(N)
Romani
Varietäten privat-informeller Domänen des sozialen Mikrokosmos im Kontakt mit dem Partner/der Partnerin, in der Familie, mit engen Freunden, etc.

Formales schriftliches Romani hat weniger kommunikative, denn symbolische Funktion. Die überwiegende Mehrzahl schriftlicher Texte sind Übersetzungen aus Mehrheitssprachen. Primär sollen diese Übersetzungen demonstrieren, dass sowohl das Romani als auch seine Verwender für formale Kontexte gebraucht werden können, was wiederum die Forderung nach soziokultureller Gleichstellung unterstützt und die Notwendigkeit bzw. Forderung nach soziopolitischer Integration unterstreicht, etc.3

Sozio-politischer Status

Die überwiegende Mehrheit der Roma gebraucht Romani jedoch nur in der gruppeninternen Kommunikation und verwendet in allen anderen Domänen ausschließlich Mehrheitssprachen. Wie schon angedeutet und ausgeführt ist das keineswegs in irgendwelchen Defiziten des Romani begründet, sondern in der soziolinguistischen Situation seiner Sprecher. Die funktionalen Restriktionen des Romani resultieren aus seiner sozio-politischen Status. Romani ist

  • marginalisiert in den Medien,
  • marginalisiert in der Bildung,
  • irrelevant im öffentlichen Leben,
  • ignoriert in der Verwaltung.

Selbstverständlich wird Romani in allen Medien verwendet. Abgesehen von Tages- und Wochenzeitungen, wird es in Zeitschriften, Broschüren und Büchern verwendet. Radio- und Fernsehprogramme in Romani werden sowohl von öffentlichen als auch privaten Sendern ausgestrahlt. Ebenso wird Romani im Internet verwendet. Die Bandbreite reicht hierbei von Webauftritten über Mailing Lists und Chatrooms bis zu Online-Radio und TV. In erster Linie Printpublikationen aber auch Radio- und TV-Sendungen sind – entsprechend den Repertoires der Zielgruppen und der soziolinguistischen Situation des Romani – häufig bilingual. Trotz seiner Medienpräsenz ist der Einfluss des Romani auf Romani-Sprecher-Gemeinschaften im Vergleich zur Medienpräsenz dominanter Sprachen unwesentlich bis vernachlässigbar. Romani-Sprecher konsumieren in erster Linie Medienprodukte in der jeweiligen dominanten Sprache. Sowohl für elektronische als auch für Printmedien in Romani gilt das gleiche wie für den Schriftgebrauch: Sie haben primär symbolische und nur in Ausnahmefällen auch kommunikative Funktion.

Die Forderung, Romani im Unterricht zu etablieren, ist häufig politisch begründet und steht im Kontext des Bemühens bzw. Kampfs um Gleichberechtigung und Chancengleichheit. Die Bandbreite an diesbezüglichen Aktivitäten reicht von lokalen Initiativen über regionale und nationale Programme bis hin zu internationalen Ansätzen. Letztere beschränken sich meist auf Empfehlungen internationaler Organisationen oder stehen im Kontext internationaler Abkommen zum Minderheitenschutz, die nur in einigen wenigen Fällen gezielte Aktivitäten nach ziehen. Zu diesen wenigen Ausnahmefällen gehört der vom Europarat entwickelte Rahmenlehrplan für das Romani mit entsprechenden Sprachenportfolios,4 die auf dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GERS) des Europarats basieren, der von der Europäische Kommission als Standard zur Definition, Feststellung und Überprüfung von Sprachkompetenzen empfohlen wird. Das bekannteste Beispiel eines internationalen Übereinkommens zum Schutz von Minderheitensprachen ist die Europäische Charta für Regional- oder Minderheitensprachen des Europarats.

Sowohl Empfehlungen zum Sprachunterricht als auch Übereinkommen zum Schutz von Minderheitensprachen sind sogenannte top-down Instrumente, die oft nur im Zusammenhang mit nationalen oder regionalen Maßnahmen eine legale Basis für Romani-Unterricht gewährleisten. Zumeist sind derartige Maßnahmen Teil der Gesetzgebung zum Schutz von (nationalen) Minderheiten und als Regelungen zum Minderheitensprachenunterricht formuliert. Im Fall des Romani sind die Behörden nur selten in die Umsetzung derartiger Regelungen aktiv involviert.5 Gesetzgebung und Behörden kümmern sich in der Regel nur um die Rahmenbedingungen und verlassen sich in der Umsetzung des Unterrichts auf die Aktivitäten von NGOs. Das steht sicherlich auch im Zusammenhang mit dem Umstand, dass Bildungsbehörden fast nur mit homogenen Sprachen, deren Standard sich als Unterrichtsnorm verwenden lässt, konfrontiert sind, und folglich mit der Pluralität des Romani überfordert sind. Zudem sind top-down Maßnahmen in diesem Bereich in der Regel nur Reaktionen auf sogenannte bottom-up Forderungen.

Ohne derartige Initiativen seitens der Betroffenen werden gesetzliche Maßnahmen nur selten umgesetzt und bleiben Zeichen guten Willens seitens der Behörden. Nur die konstruktive Zusammenarbeit zwischen NGOs und Behörden ermöglicht es, Romani ins Bildungssystem sinnvoll zu integrieren. Integration ins System heißt jedoch noch lange nicht gleichberechtigte Stellung im Lehrplan. Im Gegenteil, in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle wird Romani außerhalb des normalen Stundenplan unterrichtet und häufig auch nur im Rahmen von einigen wenigen Wochenstunden, die dem Bereich Geschichte und Kultur der Roma gewidmet sind. Romani als Unterrichtssprache ist noch stärker marginalisiert denn Romani als Unterrichtsfach. Sollte ein Lehrer über Romani-Kompetenz verfügen, was selten genug vorkommt, kann es durchaus vorkommen, dass Romani im Unterricht mit muttersprachlichen Kindern verwendet wird, wenn diese nur geringe Kompetenz in der Mehrheitssprache haben. In derartigen Ausnahmefällen wird das Romani als Hilfssprache verwendet, um die Unterrichtssprache schneller und besser zu erlernen.

Die skizzierte Situation resultiert höchstwahrscheinlich aus der Tatsache, dass Initiativen, Romani zu unterrichten, weniger auf pädagogischen denn auf politischen Überlegungen basieren.6 Roma NGOs fordern Romani-Unterricht im Rahmen ihrer politischen Aktivitäten, die u.a. die sozio-kulturelle Emanzipation gegenüber der dominanten Kultur und Sprache zum Ziel haben. Durch deklarative Akte bezüglich Romani-Unterricht versuchen Behörden und politische Repräsentanten der Mehrheit Sprache und Kultur der Roma-Minderheit Wertschätzung zu erweisen. In der praktischen Umsetzung bleibt dem Romani davon meist jedoch nur eine marginale Rolle im Bildungssystem. Romani wird häufig nur im Kontext sogenannter "unverbindlicher Übungen" zu Geschichte und Kultur der Roma unterrichtet. Abhängig von den jeweiligen Rahmenbedingungen, können solche außerhalb des Lehrplans angebotenen Übungen, zu denen Eltern ihre Kinder zumeist auch speziell anmelden müssen, durchaus das Selbstbewusstsein der Schüler steigern und bis zum einem gewissen Grad auch dem Assimilationsdruck entgegenwirken. Abgesehen von diesen Nebeneffekten hat Romani-Unterricht jedoch aufgrund der gezeigten primär politischen Motivation in der Regel nur symbolische Funktion. Roma-Kinder in ihrer Muttersprache zu alphabetisieren, kommt so gut wie gar nicht vor. Die Alphabetisierung von Roma-Kindern in ihrer Muttersprache ist das wichtigste pädagogische Argument, um Romani in den Bildungsbereich zu integrieren.7

Die Marginalisierung des Romani in der Bildung steht in direktem Zusammenhang mit der soziolinguistischen Situation einer dominierten Diasporasprache ohne jegliche Schrifttraditon. Gleiches gilt für seinen öffentliche Gebrauch. Da öffentliches Leben und Verwaltung immer mit dominanten Sprachen verbunden sind, ist es wohl offensichtlich, dass Romani in derartigen Domänen, wenn überhaupt, nur eine periphere symbolische Rolle zukommen kann.

Der bisher skizzierte Status des Romani macht deutlich, dass eine Veränderung der derzeitigen soziolinguistischen Situation nur als Folge von Verbesserungen des Status seiner Sprecher erfolgen kann. Trotz der Tatsache, dass eine primär orale Diasporasprache nicht einmal annähernd das Prestige europäischer Nationalsprachen erreichen wird, wirkt sich der laufende politische Emanzipationsprozess positiv auf den Status des Romani auf. Sprecher dominanter Sprachen nehmen es einerseits immer mehr als einen der primären kulturellen Identitätsfaktoren der Roma wahr und betrachten es andererseits auch als funktionsfähige Sprache. Die bis vor kurzem noch überwiegende Meinung, es sei ein Kauderwelsch, ein Randgruppenjargon oder eine "Gaunersprache" wird immer seltener vertreten. Dieser Meinungswandel resultiert unter anderem aus dem, wenn auch geringen öffentlichen Interesse am Romani als europäischer Minderheitensprache. Darüber hinaus wirkt sich auch die internationale Verwendung des Romani durch Roma-Aktivisten nicht nur positiv auf seinen Status aus, sondern auch auf Funktionalität und Strukturen. Obwohl nur von einer verschwindend kleinen Minderheit im international-politischen Kontext aktiv gebraucht, fubgiert das Romani mittlerweile auch in formell-öffentliche Domänen. Durch diese funktionale Expansion kommt es sowohl zu lexikalischem Zuwachs als auch zu strukturellem Wandel. Das Romani erweitert sich um das notwendige Vokabular, um rechtliche, administrative, wissenschaftliche, etc. Inhalte zu behandeln, und entwickelt auch die zugehörigen Strukturen, die es seinen Sprechern ermöglichen, jedes Thema im öffentlich-formellen Kontext, sowohl in mündlicher als auch in schriftlicher Form zu thematisieren. Durch diese Expansion ist das Romani im Begriff sich von einer "Umgangssprache" in eine "Schriftsprache" zu entwickeln. Dieser Prozess verläuft keinesfalls nach dem traditionellen Standardisierungsmuster – Implementierung einer normierten Varietät per Gesetz durch das Bildungssystem – sondern ist eher als Harmonisierung nach dem Versuch-Irrtum-Prinzip unter Ausschöpfung aller vorhandenen Ressourcen in konkreten Kommunikationsprozessen zu sehen.

Übersetzungen und Standardisierungsversuche mit primär symbolischer Funktion tragen ebenso zu diesem Harmonisierungsprozess bei wie die kommunikative Kompetenz und die Repertoireressourcen jedes einzelnen der beteiligten Sprecher. Daraus entwickelt sich eine neue Varietät, quasi ein Inter-Romani, das im primär inter-group Kontakt in öffentlich-formellen Domänen verwendet wird. Je höher die Anzahl an Beteiligten an diesem Prozess, desto schneller wird sich dieses Inter-Romani verbreiten und dazu beitragen, dass kommunikative Hürden zwischen Sprechern unterschiedlicher Varietäten überwunden werden. Voraussetzung für die weitere Entwicklung des Inter-Romani sind jedoch weitere Verbesserungen der sozio-politischen Situation der Roma. Die gegenwärtige Situation behindert nicht nur die weitere Entwicklung des Romani, sondern verhindert in erster Linie die Integration der Roma als gleichberechtigte Bürger in ihren Heimatländern und folglich auch als Bürger Europas.

Romani und die Charta für Regional oder Minderheitensprachen

Wie aufgezeigt hat sich der Status des Romani trotz anhaltender sozio-ökonomischer Marginalisierung und sozio-politischer Stigmatisierung der Roma während der letzten Jahrzehnte verbessert. Diese Veränderung resultiert in erster Linie aus dem laufenden Emanzipationsprozess, wäre jedoch ohne gleichzeitigen allgemein-europäischen Einstellungswandel gegenüber Minderheiten nicht möglich. Initiiert wird dieser Wandel von Vertretern indigener west-europäischer Minderheiten – Friesen, Iren, Waliser, etc. – in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wichtigstes Ergebnis dieses Prozesses ist die Europäische Charta für Regional oder Minderheitensprachen des Europarats. Die Charta wurde 1992 vom Ministerkomitee beim Europarat angenommen und trat am 1. März 1998 in Kraft. Auf der Website der Charta wird deren primärer Zweck folgendermaßen beschrieben.8

The Charter is a convention designed on the one hand to protect and promote regional and minority languages as a threatened aspect of Europe’s cultural heritage and on the other hand to enable speakers of a regional or minority language to use it in private and public life.

Die Charta definiert Regional oder Minderheitensprachen als

  • unterschiedlich von der/den Amtssprache/n eines Staates,
    kein Dialekt der Amtssprache,
  • traditionell verwendet
    von Staatsbürgern auf einem bestimmten Territorium (= territoriale Sprache),
    von Staatsbürgern auf dem Territorium des Staates (= non-territoriale Sprache),
  • keine Migrantensprache.

Romani entspricht in allen Punkten dieser grundlegenden Definition einer Europäischen Minderheitensprache. Folglich ist es als

  • verschieden von allen Amtssprachen Europas,
  • gesprochen seit dem Mittelalter,
  • von Staatsbürgern aller Staaten Europas

zu beschreiben.

Es wäre folglich nur selbstverständlich, das Romani auf den Territorien aller bisher 24 Charta-Staaten zu schützen. Nicht alle haben jedoch die Charta für Romani ratifiziert; die Mehrheit davon wiederum nur den Minimalstatus einer non-territorialen Sprache.9

Unter den Staaten, die Romani ignorieren, sind kleine Länder wie Liechtenstein, mit der Begründung, dass keine der Charta-Definition entsprechenden Sprachen auf ihrem Territorium verwendet werden. Aber auch Länder in denen eine gewisse Anzahl Roma lebt, wie Kroatien, haben nicht für Romani ratifiziert. Im konkreten Fall Kroatien sind non-territoriale Sprachen grundsätzlich von der Ratifizierung ausgenommen, wodurch die Einbeziehung des Romani vermieden wird. Das bedeutet keineswegs, dass Kroatien Romani aus Medien und Bildung ausschließt. Es gibt Unterstützung und Programme für Romani-Sprecher. Diese Nicht-Ratifizierung der Charta für das Romani ist jedoch wiederum als Symptom für dessen niedrigen sozio-politischen Status zu sehen.

Eine andere Möglichkeit, Romani aus dem Kreis schützenswerter Minderheitensprachen auszuschließen, ist die Definition seiner Sprecher als Migranten. Derartigen Argumenten entgegenzuwirken und nachzuweisen, dass Romani traditionell in einer bestimmten Region gesprochen wird, ist manchmal nur schwer bis gar nicht möglich. Aufgrund ihrer sozio-ökonomischen Randstellung war es Roma lange nicht möglich, Grundbesitz zu erwerben. Darüber hinaus sind Aufenthalt und Ansässigkeit von Roma in vielen Regionen nicht bzw. nur ungenügend dokumentiert.

Anhaltende Migrationsbewegungen, wiederum Folge von Marginalisierung und Diskriminierung, werden ebenfalls häufig als Argument gegen den indigenen Status von Roma aufgeführt. Die damit verbundene Unterscheidung zwischen autochthonen und allochthonen Roma ist ein weiteres Symptom für die geringe Unterstützung des Romani als anerkannte Minderheitensprache. Beipielsweise definiert Österreich in seiner Ratifizierung der Charta das Romani als non-territoriale Sprache auf dem Territorium des Burgenlands, des östlichsten an Ungarn grenzenden Bundeslands. Folglich ist, zumindest aus Sicht der österreichischen Behörden, die Anerkennung des Romani auf eine Varietät reduziert, die nur von einer kleinen Minderheit innerhalb der österreichischen Roma-Sozietät gesprochen wird. Grundsätzlich sind dadurch nicht nur die Romani-Varietäten der seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts gekommenen Roma vom Minderheitensprachenschutz ausgeschlossen, sondern auch die von autochthonen Gruppen. Praktisch werden jedoch sprachliche Aktivitäten aller Gruppen, wenn auch unterschiedlich, unterstützt. Trotzdem, das Faktum einer derartigen Differenzierung in einem internationalen Abkommen ist wiederum Symptom des niedrigen sozio-politischen Status von Roma und Romani und deutet auch Vorbehalte gegenüber den Roma als linguistischer Minderheit an.

1. ^ Anzumerken ist, dass keines dieser Merkmale ausschließlich nur auf das Romani zutrifft; viele Sprachen der Welt sing gleich oder ähnlich dem Romani zu charakterisieren.

2. ^ : Unter einem linguistischen Repertoire versteht man die Summe aller sprachlichen Varietäten, die einer bestimmten Sprechergemeinschaft für ihre verschiedenen kommunikativen Bedürfnisse und Notwendigkeiten zur Verfügung stehen bzw. gebraucht werden.

3. ^ Ausführlicher zu den Funktionen des Romani siehe Matras (1999). Einen Überblick über Funktionalität und Status des Romani bietet Halwachs (2003).

4. ^ siehe: Council of Europe: Romani

5. ^ Nur in Rumänien hat eine nationale Initiative zu Romani-Unterricht geführt. Jedoch wird der aufgrund des zentralistischen Ansatzes allgemein im Unterricht verwendete artifizielle Standard immer wieder von Vertretern lokaler NGOs kritisiert. In erster Linie, weil sich manche Schüler und deren Eltern mit diesem nicht identifizieren können. Er wird als zu verschieden gegenüber den lokalen Varietäten des Romani erachtet, und, da er kaum außerhalb des Unterrichts verwendet wird, auch als nutzlos für die Zukunft der Schüler. Es gibt aber bisher keine allgemeine Bestätigung dieses impressionistischen Eindrucks.

6. ^ Das gilt, bis zu einem gewissen Grad, für Minderheitensprachunterricht in Europa im allgemeinen.

7. ^ Das stünde im übrigen auch im Einklang mit einer Studie der UNESCO aus dem Jahr 1953, die den Einsatz der Muttersprache zur Alphabetisierung nachdrücklich empfiehlt. siehe dazu: The Use of Vernacular Languages in Education.

8. ^ Die Charta wird in diesem Zusammenhang als Beispiel für den politischen Anerkennungsprozess des Romani und den damit verbundenen Unzulänglichkeiten und Problemen behandelt. Für weitere Informationen sei auf http://www.coe.int/t/dg4/education/minlang/ verwiesen.

9. ^ Territorialität als Definitionskriterium für Sprachen ist einigermaßen problematisch. Sprachen definieren sich in erster Linie über Sprechergemeinschaften, die sich aus mobilen Individuen zusammensetzen. Die daraus resultierende Problematik wurzelt im Minderheitenbegriff des 19. Jahrhunderts, der Minderheiten als ländliche, konservative, immobile Relikte einer anderen, meist archaischen Kultur mit einer anderen Sprache definiert. An sich ein Anachronismus, der nichtsdestotrotz noch immer Common Sense der europäischen Minderheitenpolitik ist.