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Phonologie

Der Lautbestand des Romani unterscheidet sich nur unwesentlich von dem anderer Sprachen Europas, die ja in der überwiegenden Mehrzahl ebenfalls der indoeuropäischen Sprachfamilie angehören. Nur die bedeutungsunterscheidende Funktion der aspirierten stimmlosen Verschlusslaute /ph, th, kh/ findet sich in kaum einer anderen europäischen Sprache. Die Anzahl an Phonemen des Romani ist mit über 60 relativ hoch im Vergleich zu anderen indoeuropäischen Sprachen; eine Folge des heterogenen Charakters – beim Romani handelt es sich um einen Varietätencluster ohne homogenisierenden Standard – und des in der Regel starken Kontaktspracheneinflusses auf dominierte Sprachen. Die folgenden Tabellen geben einen Überblick über den Phonembestand des Romani, wobei die einzelnen Phoneme sowohl in Lautschrift als auch in Umschrift angegeben sind. Letztere entspricht der Schreibweise, die in der multilingualen und multidialektalen lexikalischen Online-Ressource ROMLEX für die Darstellung aller bekannten lautlichen Phänomene des Romani verwendet wird.1 Die in den Tabellen grau unterlegten Laute bilden den sogenannten Kernbestand des Romani. Bei den anderen handelt es sich entweder um Entlehnungen aus Kontaktsprachen oder um das Ergebnis varietäteninterner Entwicklungen, die zum Teil ebenfalls kontaktbedingt sind.

Konsonanten

Das Konsonantensystem des Romani unterscheidet sich in einem gravierenden Punkt von den Systemen anderer europäischer Sprachen: Es verfügt über die für indische Sprachen charakteristischen aspirierten Plosive. Im Fall des Romani sind das die stimmlosen aspirierten Plosive /ph, th, kh/, die in der überwiegenden Mehrzahl der Romani-Varianten zumindest im Anlaut distinktive Funktion haben. Die folgenden Beispiele zeigen die Distinktivität der aspirierten Plosive sowie deren alt-indo-arische (inc.) Korrelate, die aspirierten stimmhaften Plosive:

perav : pherav < inc. bharati 'ich falle' : 'ich fülle'
tav : thav < inc. dhāgga 'koche!' : 'Faden'
ker : kher < inc. ghara 'mach!' : 'Haus'

In einigen Varietäten, wie besipielsweise dem Arlije-Romani, findet sich zusätzlich die aspirierte stimmlose Affrikate /čh/ in distinktiver Funktion:

čor : čhor 'Dieb' : 'schütte!'

Neben /čh/ weist das Romani drei weitere postalveolare Affrikaten auf: /c/, /č/ und dž:

cidel 'er/sie zieht'
čorel 'er/sie stiehlt'
džal 'er/sie geht'

Im Lovara-Romani, einer Nord-Vlax-Varietät, sind die Affrikaten /čh/ und /dž/ zu den Frikativen /š/ und /ž/ reduziert:

šavo < čhavo 'Bub, Sohn'
žal < džal 'er/sie geht'

Im Kalderaš-Romani – einer Nord-Vlax-Varietät – sind diese Frikative zusätzlich palatalisiert:

śavo < čhavo 'Bub, Sohn'
źal < džal 'er/sie geht'

Palatalisierung, manchmal auch aufgrund der quasi gleichzeitigen Artikulation des palatalen Approximanten /j/ als Jotierung bezeichnet, tritt in allen Romani-Varietäten auf, die in Kontakt mit slawischen Sprachen stehen.

Für das Gurbet Romani, eine Süd-Vlax-Varietät, ist die palatale Affrikate /ć/ charakteristisch:

ćerel < kerel 'er/sie macht'

Die Affrikate /ć/ resultiert aus der Palatalisierung von /k/ vor /i/ und /e/. Gleichermaßen lassen sich die palatalisierten Konsonanten anderer Romani-Varietäten, wie beispielsweise im Kalderaš-Romani und in der nord-russischen Varietät begründen:

ďes < dives 'Tag'
ǧiľa < gili+a 'Lieder'

Primär in Vlax-Varietäten treten zwei Vibranten in bedeutungsunterscheidender Funktion auf:

bar : bař 'Garten' : 'Stein'

Gemination als Folge von Längung ist ein jüngeres Kontaktphänomen, das u. a. in der finnischen Varietät des Romani auftritt. Bei den beiden folgenden Beispiele handelt es sich um Entlehnungen aus dem Deutschen (deu).

glattiko < deu. glatt 'glatt'
hoffos < deu. hof 'Hof'

Die beiden dentalen Frikative /þ/ und /ð/ treten nur in Entlehnungen aus dem Englischen in der von John Sampson 1926 beschriebenen walisischen Varietät auf. Sie entsprechen denjenigen Lauten, die im Englischen mit <th> wiedergegeben werden.

Die Konsonanten des Romani: Kernbestand hervorgehoben
Artikulationsort labial koronal
Artikulationsmodus bilabial labio-dental dental alveolar post-alveolar
Plosive p b t d
aspiriert
palatalisiert
Frikative f v θ ð s z ʃ ʒ
palatalisiert ɕ ʑ
Affrikaten ʦ ʣ ʧ ʤ
aspiriert ʧʰ
palatalisiert ʨ ʥ
Approximant
Nasale m n
palatalisiert
Vibranten r
palatalisiert
Laterale l
palatalisiert
Stimmton + + + + +
Die Konsonanten des Romani (fortgesetzt): Kernbestand hervorgehoben
Artikulationsort dorsal laryngal
Artikulationsmodus palatal velar uvular glottal
Plosive k g
aspiriert
palatalisiert
Frikative x h
palatalisiert
Affrikaten
aspiriert
palatalisiert
Approximant j
Nasale ŋ
palatalisiert
Vibranten ʀ
palatalisiert
Laterale
palatalisiert
Stimmton + + + +

Vokale und Diphthonge

Alle Romani-Varietäten haben fünf Kardinalvokale /i, e, a, o, u/. Das alt-indo-arische Vokalsystem des Sanskrit, in dem Quantität (Länge) und Qualität der Vokale distinktiv sind, hat sich zu einem rein qualitativen System gewandelt.

rom san hin
marel mārayati mārnā 'schlagen'
merel marati marnā 'sterben'

Rein qualitative Vokalsysteme sind heute für Varietäten, die auf dem Balkan gesprochen werden, charakteristisch, und zwar sowohl für Vlax-Varietäten als auch für Balkan-Varietäten. Zentrale Varietäten, die in Gebieten mit ungarischem Einfluss gesprochen werden, weisen auf arealen Kontakt zurückführbare Vokallängung auf, wobei der phonemische Status der Länge oft strittig ist. Dies gilt auch für Sinti-Romani, finnisches Romani und walisisches Romani. Wie die Beispiele zeigen, betrifft die Vokallängung sowohl Lexeme voreuropäischen als auch Lexeme europäischen Ursprungs.

aalato < hun. állat 'Tier' Romungro-Romani
boori < inc. vadhūṭī 'Schwiegertochter' Romungro-Romani
huusa < ger. Haus 'Geschäft' Finnisches Romani

Je nach Kontaktsituation weisen einige Varietäten zentralisierte Vokale auf, die aus dem Rumänischen oder dem Türkischenübernommen wurden. Einige Varietäten weisen zudem gerundete Vokale auf, die u.a. ebenfalls auf den Kontakt mit dem Türkischen zurückzuführen sind:

gîndisarel < ron. gîndi 'denken' Kalderaš-Romani
strêino < ron. străin 'Fremder' Kalderaš-Romani
avdžîluki < tur. avcılık 'Jäger' Sepečides-Romani
köti < tur. kötü 'schlecht' Sepečides-Romani
bülbüli < tur. bülbül 'Nachtigall' Arlije-Romani

Die folgende Tabelle fasst die Vokale des Romani noch einmal zusammen:

Die Vokales des Romani: Kernbestand hervorgehoben
vorne zentral hinten
geschlossen i y ɨ u
mittel e ø o
ə
offen æ
a
Rundung + + +

Diphthonge in Wörtern des voreuropäischen Wortschatz des Romani sind das Ergebnis von intervokalischem Konsonantenausfall:

řoj / roj < inc. ḍova- 'Löffel'
duj < inc. d(u)vā 'zwei'
čhaj < *čhavi 'Mädchen, Tochter'

Dieser Elisionsprozess ist in einigen Varietäten noch im Gange, wie zum Beispiel im Burgenland-Romani, wo Varianten mit Konsonantenelision und dem daraus resultierenden Diphthong neben den älteren Vollformen verwendet werden.

čau < čavo 'Bub, Sohn'
hojamo < hoľamo 'wütend'

In den Nord-Vlax-Varietäten ist der Diphthong /aj/ in Wörtern voreuropäischen Ursprungs meist durch /ej/ ersetzt:

dej < daj 'Mutter' Lovara-Romani
šej < čhaj 'Mädchen, Tochter' Lovara-Romani

Andere Diphthonge treten in einzelnen Romani-Varietäten als Folge von Sprachkontakt oder von internen, teilweise ebenfalls durch Sprachkontakt ausgelösten Prozessen auf.

fuat < deu. dial. fuat 'fort' Sinti-Romani
moudru < modro 'blau' Prekmurje-Romani

Die folgende Tabelle fasst die Diphthonge des Romani zusammen:

Die Diphthonge des Romani: Kernbestand hervorgehoben
aᵘ uᵃ iᵃ oᵃ eᵃ

Aussprache und Betonung

Da die Realisation der Laute bzw. deren Aussprache in einzelnen Dialekten immer auch von der jeweiligen dominanten Kontaktsprache geprägt ist, lassen sich diesbezüglich nur schwer allgemeine Aussagen treffen. Was den sogenannten "Kernbestand" anbelangt, zeigt die folgende Auflistung in groben Zügen die Aussprache der einzelnen Laute im Vergleich mit dem Deutschen beschrieben.

Die Aussprache der wichtigsten Laute des Romani:

a etwa wie in hat
aj wie in bei
b wie in Ball
c wie in Zentrum
č wie in Matsch
čh "behauchtes č" tsch mit einem folgenden h wie in Matschhaufen
d wie in die
etwa wie in Jeans
e wie in legen
f wie in fünf
g wie in geht
h wie in haben
x wie in Bach
i wie in ist
j wie in ja
k wie in Kraft
kh wie in kommen
l wie in Luft
m wie in man
n wie in nein
o wie in rot
oj wie in euch
p wie in Pracht
ph wie in Post
r "Zungenspitzen-R" in Rose
ř "Zäpfchen-R" wie z.B. franz. rien
s wie in Rast
z etwa wie in Rose
š wie in Schule
ž etwa wie in Journal
t wie in Treppe
th wie in Tier
u wie in kullant
uj wie in pfui!
v wie in Wein

Ähnliches – Prägung durch Kontaksprachen – gilt auch für die Betonung. Es lassen sich sogenannte "konservative" Varietäten mit Betonungsdifferenzierung zwischen dem voreuropäischen und europäischen Anteil des Lexikons von Varietäten mit quasi "einheitlicher" Betonung unterscheiden.

Zur ersten Gruppe ist das Kalderaš-Romani zu rechnen. Wörter voreuropäischen Ursprungs haben in der Regel Ultimabetonung; d.h. sie sind auf der letzten Silbe betont. Das gilt sowohl für unflektierte Wörter als auch für "einfach" flektierte Formen:

maškarál < inc. madhya 'von der Mitte'
šukár < inc. śukra 'schön'
kal-ó < inc. kāla 'schwarz'
vurdón < oss.2 wœrdon 'Wagen'
ker-ás < inc. karoti 'wir machen'

Flektierte Formen mit "sekundären" Suffixen haben Paenultimabetonung; d.h. sie sind in der Regel auf der vorletzten Silbe betont:

vurdon-és-ke 'Wagen' (dat)
ker-ás-as 'wir machten'

Formen mit primären Suffixen und unflektierte Wörter, die aus europäischen Sprachen entlehnt sind, haben Paenultimabetonung. Flexionsformen europäischer Entlehnungen mit sekundären Suffixen werden ebenso wie die voreuropäischen auf der vorletzten Silbe betont.

práx-o < sla. prax 'Staub'
prax-ós-ke 'Staub' (dat)
lúng-o < ron. lung 'lang'

Einheiliche Paenultimabetonung hat das Burgenland-Romani wie auch mehrere andere Varietäten höchstwahrscheinlich unter dem Einfluss des Ungarischen entwickelt.

maškáral 'von der Mitte'
šúkar 'schön'
kál-o 'schwarz'
vérda 'Wagen'
kér-as 'wir machen'

Wörter voreuropäischen Ursprungs mit "sekundären" Suffixen und Entlehnungen aus europäischen Sprachen weise ebenfalls Paenultimabetonung auf. Ausgenommen davon sind nur Formen mit zweisilbigen "sekundären" Suffixen, die auf der letzten dem Suffix vorangehenden Silbe betont sind.

verd-és-ke <oss. wœrdon 'Wagen' (dat)
ker-áh-ahi 'wir machten'
prah-ós-ke < sla. prax 'Staub' (dat)
dúg-o < sla. dug 'lang'

Wie durch die unterschiedliche Schreibung der einander entsprechenden Lexeme des Kalderaš- und des Burgenland-Romani angedeutet, differieren die einzelnen Varietäten in ihrer Lautstruktur. Diese Unterschiede sind in erster Linie auf phonologische Prozesse zurückzuführen.

Phonologische Prozesse

Zwei der auffälligsten internen Prozesse des Romani – Palatalisierung und der in Diphthongen und Silbenkürzungen resultierende intervokalische Konsonantenausfall – wurden bereits kurz skizziert.

Ebenfalls in mehreren Varietäten anzutreffen ist der Wechsel von /s/ zu /h/ in grammatikalischen Paradigmen, wie beispielsweise:

grast-es-sa > grasteha 'mit dem Pferd'
ker-es-a > kereha 'du wirst machen'
som > hom 'ich bin'

Ein weiterer Grund für Varianz in grammatikalischen Morphemen ist der Verlust von auslautendem -s, wie u.a. in:

for-os > for-o 'Stadt'
pap-us > papu 'Grossvater'
amon-is > amon-i 'Amboss'
murš-es > murš-e 'Mann (obl)'
lačh-es > lačh-e 'gut (adv)'

Einige Lexeme (lexikalische Morpheme) weisen varietätenspezifische Varianz bezüglich eines anlautenden Vokals (meist a-) auf. Dabei handelt es sich etymologisch gesehen um einen "Sprossvokal" (prothetischen Vokal):

anav : nav 'Name'
ašunel : šunel 'hören'

Die häufigsten prothetischen Konsonanten, die ebenfalls zu varietätenspezifischer Varianz beitragen, sind v- und j-, wie beispielsweise in:

ov/oj//on > vov/voj//von 'er / sie // sie (pl)
ušt > vušt 'Lippe'
iv > jiv 'Schnee'
aro > jaro 'Mehl'

Weitere phonologischer Prozesse sind varietäten- oder varietätengruppenspezifisch und werden deshalb in diesem Zusammenhang vernachlässigt.

1. ^ Die Verschriftlichung in ROMLEX basiert auf rein praktischen Überlegungen und verfolgt keinesfalls Standardisierungsabsichten.

2. ^ oss. steht für Ossetisch, eine iranische Sprache des Kaukasus.