Home > Romani > Morphologie

Morphologie

Die Morphologie des Romani ist – wie in den meisten anderern dominierten Sprachen, deren bilinguale Sprechergemeinschaften unter starkem Assimilationsdruck stehen – der stabilste Bereich.

Aus praktischen Gründen werden die strukturellen Besonderheiten des Romani hier nach der traditionellen Formenlehre in drei Bereiche gegliedert: in die deklinablen Nomen und Pronomen, in die konjugierbaren Verben und in die unflektierten Partikel.

Nomen und Pronomen

Das Romani hat zwei Genera – Maskulinum und Femininum, zwei Numeri – Singular und Plural – sowie acht Kasus, die sich auch in vielen anderen Sprachen Europas finden. Das Kasusystem ist allgemein indo-europäisch, die Kasusbildung hingegeben typisch indisch und somit eines der Merkmale, welche die genetische Zugehörigkeit zu den indo-arischen Sprachen bestätigen.

Substantiv

Die zweistufige Nominalflexion besteht aus drei primären Kasus – Nominativ, Obliquus und Vokativ – sowie fünf sekundären, vom Obliquus abgeleiteten Kasus – Dativ, Ablativ, Lokativ, Instrumental / Soziativ und Genitiv.

manuš 'Mensch' / khoro 'Krug' / rakli 'Mädchen' / jag 'Feuer'
Singular Maskulin Feminin
Nominativ [Akkusativ] manuš khor-o rakl-i jag
Obliquus Akkusativ manuš-es khor-es rakľ-a jag-a
Dativ manuš-es-ke khor-es-ke rakľ-a-ke jag-a-ke
Ablativ manuš-es-tar khor-es-tar rakľ-a-tar jag-a-tar
Lokativ manuš-es-te khor-es-te rakľ-a-te jag-a-te
Instrumental / Soziativ manuš-es-sa khor-es-sa rakľ-a-sa jag-a-sa
Genitiv manuš-es-kero khor-es-kero rakľ-a-kero jag-a-kero
Vokativ manuš-a khor-eja rakľ-ije jag-e
Plural Maskulin Feminin
Nominativ [Akkusativ] manuš-a khor-e rakľ-a jag-a
Obliquus Akkusativ manuš-en khor-en rakľ-en jag-en
Dativ manuš-en-ge khor-en-ge rakľ-en-ge jag-en-ge
Ablativ manuš-en-dar khor-en-dar rakľ-en-dar jag-en-dar
Lokativ manuš-en-de khor-en-de rakľ-en-de jag-en-de
Instrumental / Soziativ manuš-en-ca khor-en-ca rakľ-en-ca jag-en-ca
Genitiv manuš-en-gero khor-en-gero rakľ-en-gero jag-en-gero
Vokativ manuš-ale(n) khor-ale(n) rakľ-ale(n) jag-ale(n)

Der Vokativ hat eine Sonderposition und wird in Varietäten, die unter Einfluss von Kontaktsprachen ohne synthetischen Vokativ stehen, zumeist durch die Nominativform realisiert.

Der Obliquus fungiert bei diskursprominenten Entitäten als Akkusativ, ansonsten ist der Akkusativ formgleich mit dem Nominativ. Diskursprominente Entitäten sind semantisch sehr oft, wenn auch nicht immer, als belebt zu charakterisieren, was zueiner kausalen Interpretation der Korrelation des semantischen Merkmals[± belebt] mit der Dichotomie Akkusativ = Nominativ : Akkusativ = Obliquus geführt hat.

Dikhav manušen. 'Ich sehe Menschen.'
Dikhav jag. 'Ich sehe ein Feuer.'

Diese Interpretation ist nicht grundsätzlich falsch, greift jedoch zu kurz, da der unabhängige Obliquus auch andere Funktionen hat. So ist z. B. in der Possessivkonstruktion der Possessor (= Besitzer) als diskursprominente Entität ungeachtet seines Belebtheitsstatus immer durch den Obliquus markiert, während das Possessum (= Besitztum) im Nominativ steht:

La rakľa si šukar bal. 'Das Mädchen hat schöne Haare.'
Khoren si jek desto. 'Krüge haben einen Griff.'

Der Obliquus bildet die Basis für die fünf sekundären Kasus: Dativ, Ablativ, Lokativ, Instrumental / Soziativ und Genitiv. Die doppelte Suffigierung bei der Bildung dieser sekundären Kasus, die u. a. ein typisches Kennzeichen neu-indo-arischer Sprachen ist, wird als agglutinierendes Merkmal des Romani beschrieben. Diachron betrachtet handelt es sich bei diesen sekundären Kasusmorphemen um grammatikalisierte Postpositionen. Es gibt u.a. variantenspezifische Unterschiede bei der Realisierung des Genitiv, der hauptsächlich attributiv verwendet wird und deshalb auch Genus und Numerus unterscheidet:

manuš-es-ker-o/-i//-e : -kor-o/-i//-e : -kr-o/-i//-e- : -k-o/-i//-e
manuš-en-ger-o/-i//-e- : -gor-o/-i//-e : -gr-o/-i//-e : -g-o/-i//-e

Viele Varietäten haben zusätzlich analytische Kasusbildungen entwickelt, die häufig den Lokativ, den Ortskasus, ersetzen. Auch der Ablativ, der Kasus der Herkunft und des Ursprungs, ist davon betroffen, relativ selten der Dativ, der im Romani primär als Benefaktiv fungiert, und der Instrumental/ Soziativ. Bei dieser Entwicklung, die ab dem Kontakt mit Balkansprachen einsetzt, werden "alte" synthetische Formen durch "neuere" analytische Bildungen – meist in der Form Präposition + (Artikel) +Nominativ – ersetzt.

gavestar : katar gav 'von/aus einem Dorf'
gaveste : ande gav 'in einem Dorf'

Wie die folgende Tabelle zeigt, unterscheiden sich Nomina voreuropäischen Ursprungs von europäischen Entlehnungen in ihrer Deklination. Was die Maskulina aus europäischen Sprachen anbelangt, wird der Vokal im Obliquus Singular der Nominativendung angeglichen: -es-> -os-/ -us-/ -is-. Feminina europäischer Herkunft unterscheiden sich von voreuropäischen in den Nominativendungen: Sg. -i/ Pl. -a gegenüber Sg. -a/ Pl. -i.

nom sg nom pl obl sg obl pl Etymologie
voreuropäisch "Null" Mask. kher kher-a kher-es- kher-en- < inc. ghara 'Haus'
Mask. auf -o šer-o šer-e šer-es- šer-en- < inc. śiras 'Kopf'
Mask. auf -i pan-i paň-a paň-es- paň-en- < inc. pānīya 'Wasser'
Abstrakta čačipen čačipen-a čačipen-as- čačipen-en- < inc. satya 'Wahrheit'
"Null"-Fem. phen pheň-a pheň-a- pheň-en- < inc. bhaginī 'Schwester'
Fem. auf -i kun-i kuň-a kuň-a- kuň-en- < inc. koṇā 'Ellbogen'
europäisch Mask. auf -o sokr-o(s) sokr-i sokr-os- sokr-en- < ron. socru 'Schwiegervater'
Mask. auf -u pap-u(s) pap-i pap-us- pap-en- < grc. pappoús 'Großvater'
Mask. auf -i polgar-i polgar-a polgar-is- polgar-en- < hun. polgár 'Bürger'
Fem. auf -a vil-a vil-i vil-a- vil-en- < sla. vile 'Gabel'

Die Deklination von Artikel und Adjektiva ist durch die Dichotomie Nominativ : Obliquus charakterisiert. Die Nominalphrase wird immer vom Kopfnomen regiert:

o lačho raklo 'der brave Bub'
le lačhe raklesa 'mit dem braven Buben'
i terni džuvli 'die junge Frau'
la terna džuvľatar 'von der jungen Frau'
e tikne čhave 'die kleinen Söhne'
le tikne čhavenge 'für die kleinen Söhne'

Abweichend davon ist die Rektion in der Genitivnominalphrase. In diesem Fall korrelliert der Artikel mit dem Genitivattribut und dieses wiederum mit dem Kopfnomen.

le vurdon-es-ker-i rota 'das Wagenrad'
le vurdon-es-ker-e rot-a-ke 'für das Wagenrad'

Artikel

Die Artikelvarianz in obigen Beispielen findet sich in der folgenden Darstellung der Bandbreite an Varianzmöglichkeiten wieder. Allerdings ist eine allgemeine – primär im Obliquus zu beobachtende – Tendenz zur Reduktion und zum Formenzusammenfall festzustellen. Einzig die Differenzierung zwischen Nominativ Singular Maskulin und Nominativ Singular Feminin ist stabil.

sg mask sg fem pl
nom o i / e e / le / o
obl le / e la / le / e le / e

Adjektiv

Gleiches – Tendenz zur formalen Reduktion – gilt auch für die Adjektivendungen. Häufig finden sich drei distinktive Formen für sechs Funktionen, mit einer vierten Form für den Obliquus Feminin Singular, wenn das Genus offensichtlich ist oder betont wird:

baro 'groß'
sg mask sg fem pl
nom bar-o bar-i bar-e
obl bar-e bar-e / -a bar-e

Einige wenige Adjektive des Romani wie beispielsweise šukar 'schön' und godžar 'gescheit' sind indeklinabel bzw. nur sehr eingeschränkt deklinierbar.

Die Steigerung der Adjektive ist varietätenspezifisch. Neben dem ererbten Suffix -eder werden entlehnte Partikel und Affixe sowohl für die Bildung des Komparativs als auch für die Bildung des Superlativs verwendet:

Burgenland-R.: baro : bar-eder : lek bar-eder lek < hun
šukar : šukar-eder : lek šukar-eder
Bugurdži-R.: baro : po-baro : naj baro po-, naj < sla
šukar . po-šukar : naj šukar
Kalderaš-R.: baro : maj baro : maj baro maj < ron
šukar : maj šukar : maj šukar

Die aus europäischen Sprachen entlehnten Adjektive weisen gegenüber denen voreuropäischen Ursprungs eine (weitergehende) reduzierte Deklination auf oder sind wie das Beispiel aus dem Burgenland-Romani (Bgld.-R) indeklinabel:

lungo < ron. lung 'lang' / dlgo < srb. dial. dlgo 'lang' / brauni < deu. dial. brauni 'braun'
Kalderaš-R. Bugurdži-R. Bgld.-R.
sg pl
nom lungo lunga dlgo brauni
obl lungone dlgone

Pronomen

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Personal- und Possessivpronomen des Romani und deren varietätenspezifische Variation:

Personalpronomen Possessivpronomen
Nominativ Obliquus
1. Singular me man- mindřo / mindro / mundřo / mundro /
miřo / miro / muřo / muro / mřo / mro
'ich'
1. Plural amen / ame amen- amaro 'wir'
2. Singular tu tut- tiro / tro 'du'
2. Plural tumen / tume tumen- tumaro 'ihr'
3. Sg. mask. ov / vov / jov les- leskero / leskro / lesko 'er'
3. Sg. fem. oj / voj / joj la- lakero / lakro / lako 'sie'
3. Plural on / von / jon / ol len- lengero / lengro / lengo 'sie'

Die meisten Romani-Varietäten verfügen über klitische Personalpronomen der 3. Person mit anaphorischer Funktion. Dabei handelt es sich um die regulären Nominativformen der suppletiven Obliquusformen in obiger Tabelle 19 aufgelisteten Personalpronomen der 3. Person.

baro si lo 'er ist groß'
khamni si li 'sie ist schwanger'
phure si le 'sie sind alt'

Grundsätzlich hat das Romani vier Demonstrativpronomen, von denen auch die Artikel und die Personalpronomen der 3. Person abgeleitet sind. Neben der relativen Entfernung [± nah] kodieren die Demonstrativa auch Spezifizität [± spezifisch], wodurch es möglich ist, einen intendierten Referenten aus einer Gruppe möglicher Referenten auszuwählen, d. h. das Merkmal [± spezifisch] dient der Desambiguierung oder dem expliziten Kontrast.1

nom sg mask nom sg fem nom pl
[+ nahe] [– spezifisch] adava adaja adala 'dieser' ...
[+ nahe] [+ spezifisch] akava akaja akala 'dieser bestimmte'...
[– nahe] [– spezifisch] odova odoja odola 'jener' ...
[– nahe] [+ spezifisch] okova okoja okola 'jener bestimmte'...
Pronomen 3.Person ov oj ol 'er / sie // sie'
Artikel o (< ov) i (< oj) o (< ol) 'der / die // die'

Die Interrogativpronomen so 'was' und ko(n) 'wer' deklinieren wie Substantive:

nom acc dat abl ...
ko / kon kas / kones kaske kastar ...
so so soske sostar ...

während savo 'welcher, wer' ein pronominales Adjektiv ist:

sg mask sg fem pl
nom savo savi save
obl saves sava saven

Die ererbten, auf das Altindoarische zurückgehenden Negativpronomen khoni(k) 'niemand' und khanči 'nichts' sind u. a. in Vlax-Varietäten erhalten. In vielen anderen Dialekten sind sie durch neuere Entlehnungen ersetzt, wie beispielsweise durch ništa 'nichts' aus dem Slawischen. Dasselbe gilt für Indefinitpronomen, die ebenfalls in der überwiegenden Mehrzahl europäischen Kontaktsprachen entstammen und eine große Bandbreite an Variation aufweisen.

Verb

Die bei den Nomen skizzierte morphologische Unterscheidung zwischen Elementen voreuropäischen Ursprungs und den aus europäischen Sprachen übernommenen ist auch beim Verbalbestand des Romani zu beobachten. Im Gegensatz zu voreuropäischen Verbalstämmen sind rezente, aus europäischen Sprachen übernommene Verben durch Adaptions- bzw. Integrationsmorpheme gekennzeichnet. 2

voreuropäisch europäisch
Kalderaš-R. Bugurdži-R. Sepečides-R. Burgenland-R.
ker- < inc. karoti
'machen'
gind-isar-< ron. a gîndi
'denken'
izbir-iz-< sla. izbirati
'wählen'
jazd-in-< tur. yazmak
'schreiben'
pis-in-< sla. pisati
'schreiben'
phen-< inc. bhanati
'sagen'
traj-isar-< ron. a trăi
'leben’
trešt-iz-< sla. treštati
'zittern'
anlat-în-< tur. anlatmak
'erklären'
gondol-in-< hun. gondol
'denken'

Der Verbstamm bzw. der um einen Integrationsmarker erweiterte Verbstamm fungiert als Imperativ, wie beispielsweise: phen! 'sag!', pisin! 'schreib!'.

Derivation und Valenz

Als indo-arisches Erbe ist die synthetische Kodierung der Valenz aufzufassen. Stammbildende bzw. -erweiternde Suffixe, die das Merkmal [± transitiv] tragen, finden sich kaum in anderen Sprachen. Europas. Während Detransitivierung bzw. Intransititvität formal einheitlich ist und nur funktionale Varianz aufweist, zeigen transitive Ableitungen sowohl funktionale als auch formale Varianz:

bar-o 'groß' > bar-ar- 'aufziehen, groß machen' [faktitiv]
dand 'Zahn' > dand-ar- 'beissen' [faktitiv]
ač- bleiben' > ač-av- 'aufhalten' [kausativ]
ker- 'machen' > ker-av- 'machen lasssen' [kausativ]

Intransitivität wird durch das multifunktionale Suffix {ov} ausgedrückt, wobei der stammauslautende Konsonant häufig palatalisiert ist:

bar-o 'gross' > bar-ov- 'wachsen, groß werden' [inchoativ]
rat 'Nacht' > rať-ov- 'dämmern, Nacht werden' [inchoativ]
dikh- 'sehen' > dikhľ-ov- 'erscheinen' [intransitiv]
ker- 'machen' > kerď-ov- 'gemacht werden' [passiv]

Konjugation

Basis der Verbalkonjugation sind der Präsensstamm und der Perfektivstamm. Der Präsensstamm ist identisch mit dem Verbstamm: ker- 'mach-', phuč- 'frag-' bzw. pisin- 'schreib-' trajisar- 'leb-', dandar- 'beiss-'. Unter Perfektivstamm versteht man den um einen Perfektivmarker – ker-d- 'mach-PFV-', phuč-l- 'frag-PFV-', pisin-č- 'schreib-PFV-', trajisar-d- 'leb-PFV-', dandar-d- 'beiss-PFV-' – erweiterten Präsensstamm.3 Als Perfektivmarker der Intransitiva fungiert in der Regel das Suffix {/il/in/}, das in der 3. Person Singular die genusdifferenzierenden Formen der Adjektiva aufweist:

bar-il-o / bar-il-i 'er / 'sie wuchs'
ačh-il-o / ačh-il-i 'er / 'sie blieb'

Die Unterscheidung zwischen Präsens- und Perfektivstamm entspricht der aspektuellen Differenzierung durch das Merkmal [± perfektiv]. Als [+ perfektiv] sind diejenigen Zustände oder Handlungen charakterisiert, die vom Sprecher aus gesehen abgeschlossen sind. Zustände oder Handlungen, die nicht abgeschlossen sind bzw. deren Abgeschlossenheit für den Sprecher keine Rolle spielt, haben das Merkmal [– perfektiv]. Entsprechend sind auch die Kategorien Numerus – Singular, Plural – sowie Person – erste, zweite, dritte – durch zwei unterschiedliche Morphemsets definiert:

1sg 2sg 3sg 1pl 2pl 3pl
[– perfektiv] -av/-au/-ap -es/-eh/-e -el -as/-ah/-a -en -en
[+ perfektiv] -om/-um/-em -an/-al -as/-a -am -en/-an -e

Die Morphemsets zeigen varietätenspezifische Varianz. Die nicht-perfektiven Endungen variieren zusätzlich bezüglich ihres Vokalismus: Bei Verbstämmen, die auf Vokal auslauten, wird der Vokal der Flexionsendung an den Endungsvokal des Stammes assimiliert.

ker-el 'er macht' Kalderaš-Romani
paćas < *paća-es 'du glaubst' Kalderaš-Romani
trajiv < *traji-av 'ich lebe'4 Kalderaš-Romani

Das Morphem {/as/ahi/a/e/îs/s/} trägt die Bedeutung 'zeitlich entfernt' und kodiert folglich Tempus durch das Merkmal [± fern]:

ker-av, ker-es, etc. [– perfektiv] [– fern]
ker-av-as, ker-es-as, etc. [– perfektiv] [+ fern]
kerd-om, kerd-an, etc. [+ perfektiv] [– fern]
kerd-om-as, kerd-an-as, etc. [+ perfektiv] [+ fern]

Bei den [– perfektiv] [– fern] Formen treten sogenannte Langformen auf; d. s um das Morphem {a} erweiterte Kurzformen:

ker-av, ker-es, etc. Kurzformen
ker-av-a, ker-es-a, etc. Langformen

Die funktionale Distribution der Kurz- und der Langformen ist varietätenspezifisch: Im Kalderaš-Romani fungiert die Kurzform als Indikativ Präsens, während die Langform den Konjunktiv kodiert. In Arlije- und Bugurdži-Romani werden die Langformen im Allgemeinen als Indikativ Präsens verwendet, während die Kurzformen für den Konjunktiv oder als alternative Formen ebenfalls für Indikativ Präsens stehen. Im Burgenland-Romani fungieren die Kurzformen als Präsens, die Langformen als Futur. Im Gegensatz dazu bilden die Balkanvarietäten das Futur analytisch, und zwar mit der vom Verb kamel 'lieben, wollen, wünschen' abgeleiteten Partikel {/ka/kam/kama/} und dem Präsens:

ka ker-av 'ich werde machen'

Hier handelt es sich um ein Kontaktphänomen: Die analytische Futurbildung ist ein areales Merkmal des Balkansprachbunds.

Abschließend zu diesem Abschnitt ein Überblick zur Konjugation und den Verbalsuffixen:

Bildung Präsensstamm Perfektivstamm
Aspekt [– perfektiv] [+ perfektiv]
Tempus [– fern] [+ fern] [– fern] [+ fern]
"Funktion" Präsens / Futur Imperfekt Perfekt Pluperfekt
1. Singular ker-av ker-av-a ker-av-as kerd-om kerd-om-as
2. Singular ker-es ker-es-a ker-es-as kerd-an kerd-an-as
3. Singular ker-el ker-el-a ker-el-as kerd-a(s) kerd-as-as
1. Plural ker-as ker-as-a ker-as-as kerd-am kerd-am-as
2. Plural ker-en ker-en-a ker-en-as kerd-an kerd-an-as
3. Plural ker-en ker-en-a ker-en-as kerd-e kerd-an-as

TMA-System

Die traditionelle Beschreibung des Verbalsystems einer indo-europäischen Sprache basiert grundsätzlich auf der Kategorie Tempus. Die dabei verwendeten Subkategorien sind in der Zeile "Funktion" in der folgenden Tabelle aufgelistet. In traditioneller Sichtweise mit der Primärunterscheidung Präsens / Gegenwart vs. Präteritum / Vergangenheit, werden Imperfekt, Perfekt und Plusquamperfekt als Präteritum zusammengefasst. Da die funktionale Differenzierung des Verbs im Romani aber grundsätzlich auf einer aspektuellen Unterscheidung basiert, war gerade dieser Bereich lange Zeit Gegenstand von z. T. kontroversen Diskussionen. Erst Matras (2002: 151ff.) hat die grundlegende Funktionalität des TMA-Systems (TMA = Tempus, Modus, Aspekt) schlüssig geklärt und erklärt. Die folgende Tabelle und die daran anschließenden Erklärungen zu den einzelnen Kategorien fassen das funktionale Arrangement der TMA-Kategorien im Romani, wie es auch der Darstellung in obiger Tabelle zugrunde liegt, noch einmal zusammen:

[– perfektiv] [+ perfektiv] [+ intentional]
[– fern] Präsens / Futur Perfekt Konjunktiv
[+ fern] Imperfekt Plusquamperfekt
  • Aspekt ist durch das Merkmal [± perfektiv] repräsentiert: Der perfektive Aspekt, die Abgeschlossenheit einer Handlung zu einem Zeitpunkt vor der Referenzzeit oder zur Referenzzeit wird durch einen Perfektivmarker {/d/l/t/}) ausgedrückt, der an den Verbstamm suffigiert wird: ker-d-om 'ich machte' = abgeschlossene Handlung = perfektiv ≈ Vergangenheit, was in Opposition steht zu ker-av(-a) 'ich mache' = nicht abgeschlossene Handlung = nicht-perfektiv ≈ Präsens oder Futur.
  • Tempus wird durch das Merkmal [± fern] unterschieden, wobei [+ fern] durch das Suffix {/as/ahi/a/e/îs/s/} kodiert ist: ker-d-om-as 'ich hatte gemacht' = [+ fern] [+ perfektiv] = in der Vergangenheit abgeschlossene Handlung ≈ Plusquamperfekt; ker -av-as 'ich war gerade dabei, zu machen' = [+ fern] [– perfektiv] = nicht abgeschlossene Handlung in der Vergangenheit ≈ Imperfekt.
  • Es scheint nicht gerechtfertigt, eine grundlegende Kategorie der Modalität, die durch das Merkmal [± intentional] repräsentiert werden würde, für das Romani zu postulieren, weil die einzige ererbte nicht-indikativische Form der unmarkierte Konjunktiv ker-el im System des Frühromani ist, die in Opposition zum Indikativ Präsens / Futur ker-el-a steht. Diese Unterscheidung ist in vielen Varietäten nicht mehr anzutreffen. Nicht-Indikativ wird im allgemeinen durch eine Partikel te mit der Bedeutung nicht-faktisch / konditional / konjunktivisch ausgedrückt, die zugleich als subordinierende Konjunktion fungiert: te kerdomas ... 'wenn ich gemacht hätte ...'.

Modus als analytische Kategorie

Die Modalkategorien des Könnens, der Notwendigkeit und des Wollens werden im Allgemeinen analytisch gebildet und sind z. T. varietätenspezifisch.

'Wollen' ist der konservativste und stabilste Modalausdruck im Romani und wird in der Regel mithilfe des Verbs kamel 'er/sie will' ausgedrückt. In Balkan-Varietäten ist kamel häufig durch das Verb mangel 'er/sie verlangt' ersetzt.

kamav te džal 'ich will gehen'
mangav te xal 'ich will essen'

Die Modalpartikel š aj 'dürfen' drückt Erlaubnis aus und steht zwischen Wollen und Fähigkeit. Das negative Gegenstück na š tig 'kann nicht' drückt sowohl negative Erlaubnis als auch negative Fähigkeit aus.

šaj khelas 'wir dürfen tanzen'
naštig lades 'du darfst/kannst nicht fahren'

Positive Fähigkeit kann durch Verben wie d ž anel 'können, fähig sein' < 'wissen' oder wie im Sinti-Romani hajevel 'können, fähig sein' < 'verstehen' ausgedrückt werden.

džanas te khelel 'wir können tanzen'
hajevel te gijevel 'er/sie kann singen' Sinte-Romani

Notwendigkeit wird in einigen Varietäten mittels einer Partikel ausgedrückt, die sich durch Lexikalisierung aus si te 'es ist, dass' entwickelt hat.

iste džav 'ich muss gehen' Burgenland-Rromani
hunte džanau 'ich muss wissen' Sinte-Romani

In vielen anderen Varietäten wird Notwendigkeit durch neuere Entlehnungen – vollflektierende Verben, unpersönliche Verben oder Modalpartikel – und manchmal auch durch funktionale Ausweitung ererbter Verben ausgedrückt :

mora < sla. mora / Mora te džanav. 'Ich muß wissen.' Arlije-Romani
trubul < sla. trebuje / Trubul te džas. 'Du mußt gehen.' Gurbet-Romani
mostula < deu. müssen 'er/sie muss' Finnisches Romani
kamla pe < kamela 'lieben' 'es ist notwendig' Sofia Erli

Infinite Formen

Der "ererbte" Infinitiv des Romani ist höchstwahrscheinlich aufgrund der intensiven Prägung durch das Byzantinisch-Griechische, das im Kontaktzeitraum kaum mehr Infinitivgebrauch aufweist, und der Infinitivreduktion in den südslawischen Kontaktsprachen verlorengegangen. Was man in der Romani Linguistik als "neuen Infinitv" bezeichnet,5 sind Formen des Präsensparadigmas, die ohne Person- und Numeruskongruenz zusammen mit der non-faktitiv Partikel te als erweiterbare Ergänzung eines Modalverbs auftreten.

kamen te xal 'sie wollen essen'
džanav te khelel 'ich kann tanzen'

Die Beispiele zeigen die am häufigsten auftretende Form, die 3. Person Singular der Kurzformen. In anderen Varietäten tritt die 2./3. Person Plural in gleicher Funktion auf.

kamav te khelen 'ich will tanzen'

An Partizipia finden sich im Romani ein [+ perfektiv]-Partizip und ein Gerundium als [- perfektiv]-Gegenstück.

Verba voreuropäischen Ursprungs bilden das Partizip Perfektiv mit dem Perfektivstamm und den Adjektivendungen -o / -i // -e, wobei der Perfektivmarker in der Regel unmodifiziert – weder palatalisiert noch affriziert – ist.

ker-d-o / -i // -e 'gemacht'
phuč-l-o / -i // -e 'gefragt'
beš-t-o / -i // -e 'gesetzt'

Demgegenüber werden die Perfektivpartizipia von Verba, die aus europäischen Sprachen entlehnt sind, mit dem Suffix {/ime(n)/ome(n)/ame(n)/} gebildet, das entweder indeklinabel ist, oder nach dem Muster der Adjektiva dekliniert:6

hram-ime < grc. gramma 'geschrieben' Kalderaš-Romani
pis-im-o / -i // -e < sla. pisati 'geschrieben' Burgenland-Romani

Das Gegenstück zum Perfektivpartizip ist ein Grundium mit dem Merkmal [– perfektiv], das in zwei Formen auftritt, die beide mithilfe des Morphems {/nd/ind/} gebildet werden. Die deklinablen Formen suffigieren zusätzlich die Adjektivendungen und haben u. a. attributive Funktion wie in den folgenden Beispielen aus dem Burgenland-Romani:

rovl-ind-i džuvli 'eine weinende Frau'
rovl-ind-e fačuvča 'weinende Kinder'

Das indeklinable Gerundium wird in der Regel mit der Endung {/indoj/indos/indes/} gebildet und fungiert – wie im folgenden Beispiel aus dem Bugurdži-Romani – als Konverb:

gele bašal-indoj 'sie gingen musizierend'

Passiv

Wie oben durch kerď-ov- 'gemacht werden' bereits angedeutet, fungiert die Intransitivderivation auch als synthetische Passivbildung in der Form: Perfektivstamm + {ov}. Varietäten mit unproduktiver Intransitivderivation haben meist nur einige lexikalisierte Formen – beispielsweise maťojav 'ich bin betrunken' im Burgenland-Romani – und bilden das Passiv in der Regel analytisch durch die Verbindung des Perfektivpartizips mit dem Verb 'werden': av- bzw. ov-

marď-ov-el 'er/sie wird geschlagen' synthetisch
mardo ovel / avel 'er wird geschlagen' analytisch
mardi ovel / avel 'sie wird geschlagen' analytisch

Eine weitere Möglichkeit, Passiv zu kodieren, ist der Gebrauch reflexiver Formen. Dies tritt z. B. im Kalderaš-Romani bei rezenten Entlehnungen auf.

obzervir-il pe 'es wird beobachtet' reflexiv/passiv

Sonderformen

Sonderformen bei Verben indo-europäischer Sprachen sind nichts außergewöhnliches und folglich auch im Romani anzutreffen. Es handelt sich dabei um unregelmäßige Bildungen und Suppletivformen wie beispielsweise im Fall des Verbs für 'gehen'. Der vokalisch auslautende Präsensstamm dža- 'geh-' assimiliert den Endungsvokal, der Perfektivstamm hingegen ist eine Suppletivbildung, ge-l- 'geh-PfV-' mit, wie bei Intransitiva üblich, genusdifferenzierenden Adjektivendungen in der 3. Person Singular.

džav < *dža+av 'ich gehe'
džal < *dža+el 'er/sie geht'
gel-om 'ich ging'
gel-o / gel-i 'er ging' / 'sie ging'

Auf weitere Sonderformen des Verbs kann hier ebenso wenig eingegangen werden wie auf andere Besonderheiten, die zudem auch starke varietätenspezifische Varianz aufweisen.

Ähnliches gilt für die Sonderformen und Funktionen des Verbs 'sein'. Einige varietätenspezifische Präsensformen sind zusammen mit ihren Sanskritentsprechungen in der folgenden Tabelle aufgelistet.

Bgld. = Burgenland; Kald. = Kalderaš; Bug. = Bugurdži; Sep. = Sepečides
Sinti-R. Bgld.-R. Kald.-R. Bug.-R. Sep.-R. Sanskrit
1sg hom som sîm s(i)jom isinom asmi 'ich bin'
2sg hal sal san sjan isinan asi 'du bist'
3sg hi hi si isi asti 'er/sie ist'
1pl ham sam sam sjam isinam smas(i) 'wir sind'
2pl han san san sjen isinen stha 'ihr seid'
3pl hi hi si isi santi 'sie sind'

An synthetischen Formen verfügt das Verb 'sein', das auch als Kopula fungiert –

o kher sî baro 'das Haus ist groß'

–, nur über eine Präsens- und eine Präteritalform, die formal Perfekt und Plusquamperfekt entsprechen:

som : somahi 'ich bin' : 'ich war' Burgenland-Romani
sam : samas 'wir sind' : 'wir waren' Kalderaš-Romani

Als Suppletivformen für Futur und/oder Konjunktiv werden je nach Varietät die Verba ovel 'werden' und avel 'kommen' verwendet; Balkanvarietäten bilden das Futur – wie gezeigt – analytisch.

Partikel

In diesem Abschnitt wird der in den meisten Varietäten erhaltene Kernbestand der Partikel des Romani behandelt. Eine umfassende und erschöpfende Erklärung aller Adverbien, Präpositionen Konjunktionen und aller anderen indeklinablen Wörter des Romani ist wegen der starken varietätenspezifischen Varianz in diesem Kontext nicht möglich. Einige Partikel werden im Abschnitt Syntax ausführlicher behandelt.

Adverb

Innerhalb der Adverbien ist zwischen abgeleiteten Modaladverbien und "ererbten" oder entlehnten Lokal- oder Temporaladverbien zu unterscheiden.

Modaladverbien werden von Adjektiven abgeleitet, indem das Morphem {/es/eh/e/} an den Stamm suffigiert wird:

bar-es < bar-o 'groß'
šukar-es < šukar 'schön'

Lokaladverbia sind in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle Teil des indo-arischen Bestands des Basiswortschatzes.

Was die beiden Lokaldeiktika 'hier' und 'dort' anbelangt, so basiert deren Formenvielfalt – wie bei den Demonstrativpronomen – auf den Merkmalen [± nahe] und [± spezifisch]:

[+ nahe] [– spezifisch] adaj 'hier'
[+ nahe] [+ spezifisch] akaj 'genau hier'
[– nahe] [– spezifisch] odoj 'dort'
[– nahe] [+ spezifisch] okoj 'genau dort'

Zumindest drei dieser vier zugrundeliegenden Formen sind im heute höchstwahrscheinlich ausgestorbenen, von Sampson (1926) dokumentierten Walisischen Romani anzutreffen:

odoj : okoj 'dort' : 'dort drüben'
akaj 'hier'

Die Formenvielfalt, nicht jedoch die ursprüngliche Funktionalität, ist u. a. im Lettischen Romani erhalten. Neben den Formen auf -aj finden sich auch Lokativformen auf -te, die häufig Varianten mit Aphärese haben:

adaj, adate, date : kadaj, kate 'hier'
odoj, odote, dote : kote 'dort'

In einigen Varietäten – u.a. dem Burgenland Romani – finden sich nur noch die nicht-spezifischen Formen:

adaj 'hier'
odoj 'dort'

In den am Balkan gesprochenen Romani-Varietäten sind häufig nur Lokative der spezifischen Formen erhalten; jedoch ohne die ursprüngliche spezifizierende Funktion und auch mit großer Varianz:

akate, kate, katka, ... 'hier'
okote, kote kotka, ... 'dort'

In vielen Varietäten finden sich neben Lokativ- auch Ablativformen:

adaj, akate, ... : adatar, akatar, ... 'hier' : 'von hier'
odoj, okote, ... : odotar, okotar, ... 'dort' : 'von dort'

Gleiches – Lokativ-Ablativ-Paare – findet man auch bei anderen Lokaladverbien. Im Gegensatz zu den Lokaldeiktika haben diese jedoch archaische, aus dem Altindoarischen stammende Lokativ- und Ablativsuffixe:

angl-e : angl-al 'vorne' : 'von vorne'
maškar-e : maškar-al 'in der Mitte' : 'aus der Mitte'
tel-e : tel-al 'unten' : 'von unten'
upr-e : upr-al 'oben' : 'von oben'

Diese Lokaladverbien fungieren häufig auch als Präpositionen. Dabei wird der auf die Präposition folgende bestimmte Artikel mit der Präposition verschmolzen, sofern die neutrale Form der Präposition auf einen Vokal endet:

telo bař < *tele o bar 'unter dem Stein'
upri bar < *upre i bar 'auf dem Zaun'

Endet die Partikel konsonantisch, fungiert sie unverändert als Präposition:

maškar i len 'mitten im Fluss'

Im Romani sind nur wenige Temporaladverbien aus dem Indoarischen erhalten. Neben einigen internen Bildungen überwiegen Entlehnungen aus europäischen Sprachen:

akana/akan … < inc. kṣaṇa- 'jetzt'
idž, iź, ič, … < inc. hyas 'gestern'
tehara, taha, tasja,… < grc. tachiá 'morgen'
čirla < grc. kairós 'vor langer Zeit' Arlije-Romani
dumu(l)t < ron. demult 'vor langer Zeit' Kalderaš-Romani
mindig < hun. mindig 'immer' Burgenland-Romani
artîk < tur. artık 'sofort, jetzt' Sepečides-Romani
araći, arati, … < adava rat 'gestern' < 'diese Nacht'
avdive, avdzis, adi, ... < adava dives 'heute' < 'dieser Tag'

Negation

Die aus dem Indo-Arischen ererbten Negativpartikel na(< inc. na) und ma(< inc. ) unterscheiden sich funktional bezüglich des Merkmals [± indikativisch]:

na kerava 'ich mache nicht' [+ indikativisch]
ma te keres 'du sollst nicht machen' [– indikativisch]
ma ker! 'mach nicht!' [– indikativisch]

In einigen Varietäten – u. a. dem Kalderaš-Romani – ist diese funktionale Trennung durch die Entlehnung či(< rom. nici) grundlegend verändert:

či džanav 'ich weiss nicht' [+ indikativisch]
te na kheles 'du sollst nicht tanzen' [– indikativisch]
ma av! 'komm nicht!' [– indikativisch]

In anderen Varietäten – beispielsweise im Burgenland-Romani – fungiert ma nur noch als Imperativnegation:

na džav 'ich gehe nicht' [+ indikativisch]
ma ač! 'bleib nicht!' [– indikativisch]

Ein weiteres, in fast allen Varietäten anzutreffendes indoarisches Negationselement ist das Präfix bi- (< inc. vi-):

bibaxt : baxt 'Unglück' : 'Glück'
bilačho : lačho 'schlecht' : 'gut'
bilondo : londo 'ungesalzen' : 'salzig'

In vielen Varietäten fungiert bi auch als Präposition mit dem Genitiv:

bi khereskero 'ohne Haus'

Konjunktion

Die beiden allgemeinen koordinierenden Konjunktionen sind thaj 'und' (< inc. tathāpi) und vaj (< inc. va) 'oder':

kalo thaj parno 'schwarz und weiß'
kalo vaj lolo 'schwarz oder rot'

Ebenfalls aus dem Indo-arischen stammen die subordinierenden Konjunktionen kaj< inc. kasmin) und te< inc. tad). Diese unterscheiden sich funktional bezüglich des Merkmals [± faktisch]:

Džanav, kaj aves baxtalo. 'Ich weiß, dass du glücklich wirst.' [+ faktisch]
Kamav, te aves baxtalo. 'Ich will, dass du glücklich wirst.' [– faktisch]

Sonstige Partikel

Erwähnenswert in diesem Zusammenhang sind die Multifunktionalität der Partikel kaj und te. Letztere fungiert aufgrund ihrer Semantik – [– faktisch] – in einigen Varietäten – wie beispielsweise dem Burgenland-Romani – nicht nur als Konjunktion, sondern auch als Konjunktiv- und Infinitivpartikel.

te kerel : kerel '(wenn) er/sie machte' : 'er/sie macht'
kinen ... te hal 'sie kaufen ... um zu essen'

Die Partikel kaj fungiert allgemein auch als Lokaladverb und Interrogativpartikel in der Bedeutung 'wo':

Kaj si amaro phral? 'Wo ist unser Bruder?'

Daneben kann kaj auch andere Funktionen übernehmen und – wie beispielsweise im Gurbet-Romani – als Relativpronomen 'der, welcher' und als Präposition 'zu an bei' gebraucht werden.

Multifunktional – Interrogativum und Konjunktion – ist auch die allgemein gebrauchte Partikel kana(< inc. kṣaṇa) 'wann':

Kana aves? 'Wann kommst du?'

Ebenso allgemein in Verwendung sind die Modalpartikel šaj 'können' und naštig 'nicht können', die in Kombination mit der Partikel te Erlaubnis bzw. Möglichkeit ausdrücken:

Šaj te ačhav. 'Ich kann bleiben.'
'Es ist möglich, dass ich bleibe.'
Naštig te ačhes. 'Du kannst nicht bleiben.'
'Es ist nicht möglich, dass du bleibst.'

Wie einleitend bereits erwähnt, weisen die Partikel des Romani u. a. auch durch Entlehnungen aus rezenten Kontaktsprachen starke varietätenspezifische Varianz auf, weshalb sowohl ihre Vielfalt als auch ihre Funktionen in einem allgemeinen Kontext wie diesem nur angedeutet werden können.

1. ^ Siehe hierzu ausführlicher Matras (1998) und Matras (2002: 106-112).

2. ^ Diese Morpheme sind laut Boretzky/Igla (1991) aus dem Griechischen abgeleitet. Bakker (1997) beschreibt die gesamte Integrationsmorphologie des Romani als aus dem Griechischen entlehnt.

3. ^ Perfektivmarker sind häufig palatalisiert – ď, ľ– oder affriziert – dz, dž, č. Ein dritter Marker -t- ist allgemein nur noch in der Partizipbildung vorhanden: beš-t-o 'gesetzt', aber beš-l-om 'ich saß'.

4. ^ Der Stamm traji- ist die Kurzform des Stamms trajisar-. Dieses Verb findet sich in Vlax-Varietäten als Entlehnung aus dem Rumänischen – ron. a trăi 'leben'.

5. ^ Siehe dazu Boretzky (1996) und Matras (2002: 161f.).

6. ^ Das Morphem {Vme(n)} entspricht dem griechischen Partizipialsuffix {Vmen}.