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Romani – eine indo-arische Sprache Europas

Romanes und Romani sind die Allgemeinbezeichnungen für die Sprache der Roma, Sinti, Kale und aller anderen europäischen Bevölkerungsgruppen, die eine indische bzw. indo-arische Sprache sprechen oder gesprochen haben und die häufig unter der meist pejorativ verwendeten Bezeichnung "Zigeuner" zusammengefasst werden:

  • Die von einem Adverb abgeleitete Bezeichnung Romanes wird fast nur im deutschsprachigen Raum verwendet: Džanes romanes? 'Kannst Du roma?'
  • Bei der Bezeichnung Romani handelt es sich um ein substantiviertes Adjektiv: romani čhib 'Roma-Zunge, Roma-Sprache'. Romani, in englischen Texten häufig auch Romany geschrieben, wird international verwendet und impliziert bis zu einem gewissen Grad auch die genetische Zugehörigkeit. Die Namen der meisten neu-indo-arischen Sprachen, zu denen das Romani zu rechnen ist, haben den gleichen Auslaut: Assami, Bengali, Gujarati, Hindi, Marathi, Panjabi, etc.

In weiterer Folge wird ausschließlich Romani verwendet. Einzelne Varietäten werden als: Burgenland-Romani, Kalderaš-Romani, Lovara-Romani, Sepečides-Romani, Sinti-Romani, Ursari-Romani etc. bezeichnet.

Roma, Sinti, Kale, etc.1

Das Ethnonym Roma bzw. Řoma – ř = /ʀ/ – ist der Plural von Rom bzw. Řom 'Ehemann, Mann'. Die meisten Gruppen verwenden rom und romni sowohl als Verwandtschaftsbezeichnungen mit der Bedeutung 'Ehemann' bzw. 'Ehefrau' als auch als allgemeine Bezeichnung für Personen, die zur Gruppe gehören – rom 'Mann', romni 'Frau'; u. a. bei den Sinti fehlen letztere Bedeutungen jedoch, weshalb Roma als Allgemeinbezeichnung für die meisten Sinti nicht akzeptabel ist. Um allgemein verbreiteten Irrtümern entgegenzuwirken, sei angemerkt, dass Rom nicht 'Mensch' bedeutet. Für 'Mensch' steht manuš.

Häufig wird die Kollektivbezeichnung *Romas verwendet, die auf der "irrtümlichen" Verwendung von Roma als Singular basiert. Da jedoch auch kompetente Sprecher des Romani *Romas im Deutschen, Englischen, etc. verwenden, ist diese Bezeichnung mittlerweile allgemein akzeptiert und folglich als Neologismus zu interpretieren.

Einige Gruppen bezeichnen sich selbst als Sinti, Manuš, Romaničal und Kale. Die Bezeichnung Sinti verwenden Gruppen, die relativ früh in den deutschsprachig-mitteleuropäischenen Kulturkreis gekommen sind. Als Manuš bzw. Manouche bezeichnen sich die heute in Frankreich lebenden Sinti. Romaničal findet man häufig bei britischen oder britisch stämmigen Gruppen, die z. T. aber auch das Ethnonym Gypsies für sich beanspruchen. Unter Kale 'Schwarze' versteht man primär zwei Gruppen: die bereits lange auf der iberischen Halbinsel lebenden Calé, bzw. die lange in Skandinavien (Finnland, Schweden) ansässigen Kaale. Roma steht für alle in Zentral- und Osteuropa beheimateten bzw. im 19. und 20. Jhdt. von dort nach Westeuropa und Übersee ausgewanderten Gruppen.

Andere gruppenspezifische Bezeichnungen beziehen sich auf die traditionellen Beschäftigungen ihrer Träger und wurden von anderen Sprachen übernommen. Beispiele dafür sind Kalderaš 'Kupferschmiede' aus dem Rumänischen (ron) căldărar, Čurari 'Siebmacher' aus dem ron ciurar, Ursari 'Bärentreiber' aus ron ursar, Sepeči 'Korbflechter' aus dem Türkischen (tur) sepetçi, Bugurdži 'Bohrermacher' aus tur bugurcu, Arli oder Erli 'sesshaft' aus tur yerli und Lovara 'Pferdehändler' aus dem Ungarischen (hun) lo 'Pferd'.

Nicht-Roma werden im Romani normalerweise als gadžegadžo 'Nicht-Roma-Mann', gadži 'Nicht-Roma-Frau' – bezeichnet. Dies ist eine alte Bezeichnung für Nicht-Gruppenangehörige, die sich auch bei den Dom im Mittleren Osten als kaddža, bei den armenischen Lom als kača und bei verschiedenen Gruppen der Ḍom in Indien als kājwā, kajjā, oder kājarō findet. In einigen Gegenden werden auch andere Bezeichnungen verwendet. Am Balkan werden Muslime (inklusive Türken und Albaner) von den Roma als xoraxane bezeichnet. Angehörige der slawischen Bevölkerung werden als das bezeichnet. Das aus dem indischen stammende das bedeutet 'Sklave' – eine Bezeichnung, die auf die Ähnlichkeit zwischen gre sklavos 'Sklave' und slavos 'Slawe' zurückzuführen ist.

Rom, Lom, Dom2

Romani ist die einzige indo-arische Sprache, die seit dem Mittelalter ausschließlich in Europa gesprochen wird. Sie ist eine der indischen Diaspora-Sprachen, die von indischstämmigen, nomadischen Gruppen außerhalb von Indien gesprochen werden. Das Ethnonym Roma bzw. Rom ist mit den Selbstbezeichnungen anderer peripatetischer Gruppen verwandt, die indo-arische Sprachen sprechen oder ein indo-arisches Spezialvokabular benützen: So findet man im Armenischen der Lom im Kaukasus und in Anatolien indische Lexeme. Die Dom im Nahen Osten, die ursprünglich Metallbearbeiter und Unterhaltungskünstler waren, sprechen noch heute Domari, eine der konservativsten indo-arischen Sprachen überhaupt. Im Hunzatal im Norden Pakistans leben die Ḍum, die eine zentralindische, außerhalb des heutigen Siedlungsgebiets entstandene Sprache sprechen.

Aufgrund vergleichend-historischer Methoden der Linguistik – in erster Linie aufgrund des in diesen Sprachen belegten systematischen Lautwandels – ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass sich all diese Bezeichnungen vom indischen ḍom ableiten. In verschiedenen Teilen Indiens finden sich Gruppen von Dienstleistungsnomaden, die Ḍom genannt werden. Hinweise auf die Ḍom finden sich bereits in mittelalterlichen Quellen wie bei Alberuni (~1020 n. Chr.), dem Grammatiker Hemachandra (~1120 n. Chr.) sowie bei Kalhana, dem brahmanischen Geschichtsschreiber von Kaschmir (~1150 n. Chr.). Sie beschreiben die Ḍom als Kaste mit niedrigem Status und typischen Berufen wie Straßenkehrer, Musiker, Gaukler, Metallbearbeiter, Korbflechter und in manchen Gegenden auch landwirtschaftliche Saisonarbeiter. Die Selbstbezeichnung ḍom > řom war höchstwahrscheinlich eine Kastenbezeichnung, die in verschiedenen Regionen von und für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mit ähnlichen Tätigkeiten verwendet wurde.

Romani-Linguistik

Bis Ende des 18. Jahrhunderts waren in Europa sowohl Herkunft als auch Sprache der Roma Thema wildester Spekulationen. So beschreibt Johann Christoph Wagenseil in seiner 1697 erschienenen Schrift "De civitate Norimbergensis commentario" das Romani als Gemisch aus deutschen, jiddischen, hebräischen und phantastischen Wörtern und behauptet:

Die ersten Ziegeiner sind aus Teutschland gebürtige Juden gewesen.

Noch 1781 war in der in Temeşvar erscheinenden Wochenzeitschrift "Neueste Mannigfaltigkeiten" folgendes zu lesen:

Aus der Vermischung von Äthiopiern, Trogloditen und Ägyptern entstand ein eigenes irrendes Volk, welches von allen drei Nationen etwas hat und von dem man ... annehmen kann, daß die heutigen Zigeuner seine Abkömmlinge sind.

Es ist der Entwicklung vergleichender Methoden der Sprachwissenschaft zu verdanken, dass die Herkunft des Romani geklärt werden konnte. Den Beginn der seriösen Auseinandersetzung mit der Thematik kann man mit Johann Christian Christoph Rüdiger ansetzen. In seiner 1782 erschienenen Schrift "Von der Sprache und Herkunft der Zigeuner aus Indien" erbringt er den wissenschaftlichen Beweis für die Verwandtschaft des Romani mit indischen Sprachen. Darüber hinaus räumt er mit diskriminierenden und romantisierenden Vorurteilen auf und nennt die damals schon elenden Lebensbedingungen

... eine politische Ungereimtheit, welche unser erleuchtetes Jahrhundert weiter zu dulden sich schämen sollte. (Rüdiger 1782/1990: 49)

Ein Jahr nach Rüdigers Schrift, 1783, erscheint Grellmanns Buch "Die Zigeuner", das am häufigsten rezipierte Werk seiner Zeit, welches die öffentliche Meinung nachhaltig prägte. Grellmann setzte Rüdigers Studien auf breiterer Basis fort; seine sprachwissenschaftlichen Ausführungen sind fundiert; im Gegensatz zu Rüdiger übernimmt er jedoch kritiklos die stereotypisierenden und diskriminierenden Vorurteile seiner Zeit.

Sechzig Jahre später stellt Potts Werk "Die Zigeuner in Europa und Asien" einen weiteren Meilenstein in der sprachwissenschaftlichen Behandlung des Romani dar. Pott präzisiert dessen Ursprung und somit die Herkunft der Roma. Das Romani ist demnach zu den nordindischen Sprachen zu rechnen und

steht somit mit dem stolzen Sanskrit in blutsverwandtem Verhältnis. (Pott 1844: XV)

Als weiterer Meilenstein in der Entwicklung der Romani-Liguistik sind die Arbeiten des Slawisten Franz Miklosich zu erwähnen. In seinen zwischen 1872 und 1881 erschienenen Artikelserien wird das Romani zum ersten Mal in verschiedene Dialekte untergliedert. Diese Einteilung in dreizehn "Mundarten" beruht auf Einflüssen der Sprache des jeweiligen Gastlandes und unterscheidet zwischen dem griechischen, dem rumänischen, dem ungarischen, etc. Dialekt.

In seiner Untersuchung "The Position of Romani in Indo-Aryan" von 1926 zieht Ralph L. Turner aufgrund eines Vergleichs des Romani mit dem Sanskrit und verschiedenen neuindischen Sprachen den Schluss, dass frühe Beziehungen des Romani zur zentralindischen Gruppe der indo-arischen Sprachen bestanden haben und folglich die Vorfahren der Roma im zentralindischen Raum gelebt haben müssen, aus dem sie in den Nordwesten Indiens zogen, wo sie sich länger aufgehalten haben, da das Romani auch Innovationen mit indo-arischen Sprachen des Nordwestens teilt.

  • Innovationen die das Romani (rom) mit zentralindischen Sprachen wie beispielsweise dem Hindi (hin) gemeinsam hat: Auf Basis dieser regelhaften Lautveränderungen läßt sich neben dem Beweis der Verwandtschaft mit dem Sanskrit (san) auch ein längerer Aufenthalt der Romani-Sprecher in Zentralindien folgern:
    san rom hin
    ṛkṣa rukh rūkh 'Baum'
    rakta rat rātā 'Blut'
  • Konservative Züge des Romani im Gegensatz zu zentralindischen Innovationen, welche die Annahme einer frühen Abwanderung aus Zentralindien stützen:
    san rom hin
    drākṣā drakh dākh 'Weintraube'
    miṣṭa mišto mīthā 'gut'
  • Parallelen mit Innovationen nordwestindischer Sprachen wie beispielsweise dem Sindhi (snd), die in den Sprachen Zentralindiens nicht auftreten und folglich einen längeren Aufenthalt der Romanisprecher im Nordwesten des indischen Subkontinents nahelegen:
    san rom snd hin
    vaṇkuḥ bango wiṇgu bā̃kā 'krumm'
    dantaḥ dand ḍandu dā̃t 'Zahn'

Ebenfalls 1926 erscheint Sampsons "Dialect of the Gypsies of Wales", ein bis heute gültiges Standardwerk, das u. a. durch seine etymologischen Nachweise weit über die Darstellung eines einzelnen Dialekts hinausgeht.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts intensiviert sich die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Romani. Das äußert sich sowohl in der Quantität als auch in der Qualität der diversen Publikationen: d.s. deskriptive Grammatiken: u.a. Gjerdman / Ljungberg (1963), Wentzel (1980), Boretzky (1993), Holzinger (1993), Matras (1994), Igla (1996), Halwachs (1998), Cech / Heinschink (1999), Tenser (2005); Wörterbücher: Valtonen (1972), Calvet (1982), Vekerdi (1983), Demeter / Demeter / Tcherenkov (1990), Hübschmannová / Šebková / Žigová (1991), Boretzky / Igla (1994); Sammelbände zu verschiedenen Aspekten des Romani: u.a. Matras (1995), Matras / Bakker / Kyuchukov (1997), Elšík / Matras (2000), Schrammel / Halwachs / Ambrosch (2005); und soziolinguistische Studien: u.a. Friedman (2003), Halwachs (2003), Matras (2004). Mit der 2002 veröffentlichten umfassenden Beschreibung "Romani: a linguistic introduction" von Yaron Matras hat sich die Romani-Linguistik endgültig als integraler Teil der modernen Sprachwissenschaft etabliert.

Struktur des Romani

Strukturell gesehen ist das Romani ein heterogenes Varietätenbündel mit einem homogenen Kern. Die Homogenität des Romani manifestiert sich in erster Linie in der Morphologie, deren Eigenschaften, wie beispielsweise im Fall der Deklination, denen neu-indo-arischer Sprachen entsprechen und somit primäres Kriterium für die genetischen Zuordnung sind. Die folgenden Tabelle der Singularsubstantivdeklination von Varietäten unterschiedlicher Dialektgruppen demonstriert diese Homogenität.3

manuš 'Mensch' / jag 'Feuer'
Arlije Kalderaš Burgenland Littauisch Sinti Walisisch Fall
manuš manuš manuš manuš manuš manuš nom/acc
manuš-e manuš-es manuš-e manuš-es manuš-es manuš-es obl/acc
manuš-es-(k)e manuš-es-ke manuš-es-ke manuš-es-ke manuš-es-ke manuš-es-ki dat
manuš-es-tar manuš-tar manuš-es-tar manuš-es-tar manuš-es-ter manuš-es-te abl
manuš-es-te manuš-es-te manuš-es-te manuš-es-te manuš-es-te manuš-es-ti loc
manuš-eja manuš-es-sa manuš-eha manuš-es-(s)a manuš-eha manuš-esa inst/soc
manuš-es-(k)oro manuš-es-ko manuš-es-kero manuš-es-k(r)o manuš-es-kro manuš-es-k(er)o gen
manuš-a manuš-eja manuš(-a) manuš-a manuš(-a) manuš-aja voc

Des weiteren enthalten alle Varietäten eine Auswahl an Lexemen aus einem gemeinsamen, aus ca. 1000 Elementen bestehenden Basisvokabular, das sich fast ausschließlich auf voreuropäische Wurzeln aus dem Indo-Arischen, Persischen, Armenischen und Byzantinisch-Griechischen zurückführen lässt und ebenfalls zur Homogenität beiträgt. Sämtliche der in der folgenden Tabelle aufgelisteten Lexeme lassen sich auf das Indo-Arische zurückführen:

Arlije Kalderaš Burgenland Littauisch Finnisch Sinti Walisisch
buti bući buti buťi butti buti(n) buti 'Arbeit'
dela del del dêl dela del del 'er/sie gibt'
džala źal džal džal džal džal džal džela
kalo kalo kalo kalo kaalo kalo kalo 'schwarz'
jevend ivend jevend ven vend vend 'Winter'
šukar šukar šukar šukar šukar šukar 'schön'

In der überwiegenden Mehrzahl setzt sich das Vokabular einer Romani-Varietät jedoch aus Entlehnungen aus europäischen Sprachen zusammen, wobei jedes Lexem der aktuellen Kontaktsprache ein potentielles Romani-Lexem ist. Auch Syntax und Phonetik bzw. Phonologie sind oft den Strukturen der Kontaktsprachen angepasst, oder zumindest von diesen beeinflusst. Dieser starke Kontaktspracheneinfluss ist Folge der Marginalisierung und Stigmatisierung der Romani-Sprecher, die in der Regel plurilingual sind. So gesehen ist das Romani eine dominierte Sprache, was aber keineswegs seinen Status als vollwertige Sprache in Frage stellt.

1. ^ Teile dieses Abschnitts sind von der Homepage des Manchester Romani Project übernommen: Matras, Yaron. History of the Romani Language: Names.

2. ^ Inhalte dieses Abschnitts sind z.T. von der Homepage des Manchester Romani Projects übernommen: Matras, Yaron. History of the Romani Language: Origins.

3. ^ Die einzelnen Varietäten werden im Kapitel Dialektologie ausführlicher behandelt, zu Details der Deklination sei auf den Abschnitt Substantiv im Kapitel Morphologie verwiesen.