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Das Österreichische Romani

Soziolinguistisch gesehen ist das Romani eine dominierte Minderheitensprache, linguistisch ein heterogenes Varietätenbündel mit einem homogenen lexikalischen und morphologischen Kern, jedoch ohne homogenisierenden Standard. Das Fehlen eines Standards ist Resultat der Marginalisierung der Roma: Nur Gemeinschaften, welche über die nötigen Machtmittel verfügen, um politische, ökonomische oder kulturelle Zentren aufzubauen, entwickeln einen Standard, der per Gesetz durch das Bildungssystem als sprachliche Norm im jeweiligen Einflussgebiet etabliert wird. Da den Roma keine derartigen Möglichkeiten zur Verfügung stehen, hat sich bisher auch kein allgemein akzeptierter Standard herausbilden können. Folglich ist auch die österreichische Roma-Bevölkerung sprachlich inhomogen. Die folgende Tabelle 1 bietet einen Überblick über die linguistische Pluralität der österreichischen Roma.

Tabelle 1
Gruppe Zweig Varietät Kontaktsprachen
NordWestlich Sinti-Manuš Sinti-Romani Deutsch
Zentral Nördlich Servika-Romani Slowakisch / Tschechisch Deutsch
Südlich Burgenland-Romani Ungarisch (Kroatisch) Deutsch
Vlax Nördlich Lovara-Romani Ungarisch Deutsch
Banatoske-Romani Ungarisch Serbo-Kroatisch/Serbisch Deutsch
Kalderaš-Romani Serbo-Kroatisch / Serbisch Deutsch
Südlich Gurbet-Romani Serbo-Kroatisch/Serbisch / Makedonisch Deutsch
Balkan Balkan I Arlije-Romani Türkisch Albanisch / Makedonisch / Serbo-Kroatisch Deutsch
Prizren-Romani Türkisch Albanisch / Serbo-Kroatisch Deutsch
Prilep-Romani Türkisch Makedonisch / Serbo-Kroatisch Deutsch
Balkan II Bugurdži-Romani Türkisch Albanisch / Makedonisch / Serbo-Kroatisch Deutsch

Klassifikation und Kontaktsprachen

Die in Tabelle 1 verwendete Klassifikation entspricht dem derzeitigen Forschungsstand (Matras 2005, 2002: 214-237). Das österreichische Romani setzt sich demnach aus Varietäten von vier Dialektgruppen zusammen:

  • Nordwestliche Varietäten

    Aus dieser Dialektgruppe sind in Österreich Varietäten der Sinti-Manuš-Subgruppe anzutreffen. Rómanes oder Sintitikes, wie Sinti ihr Romani bezeichnen, sind als Varietäten-Cluster der am längsten im deutschen Einflussbereich lebenden Ersteinwanderer stark vom Deutschen geprägt. Innerhalb der Sinti unterscheidet man mehrere Gruppen, von denen in Österreicher sogenannte Gad ž kane und Lallere leben. Erstere fühlen sich als "deutsch" und betrachten letztere als slawisch beeinflusst, da diese längere Zeit auf böhmischem und mährischem Territorium verbracht haben. Dieser Gegensatz scheint jedoch für die heute in Österreich lebenden Sinti weder sprachlich noch sonst irgendwie relevant zu sein.

  • Zentrale Varietäten

    Das Burgenland-Romani ist eine der südzentralen Varietäten des ehemaligen ungarischen Großraums. Neben den sogenannten Romungro-Varietäten Ungarns und der Slowakei zählen dazu auch das nordostslowenische Prekmurje-Romani und das südungarische Vend-Romani; beide eng mit den Varietäten des Burgenlands verwandt.1 Wie alle südzentralen Varietäten ist auch das Burgenland-Romani stark vom Ungarischen geprägt. Einzelne Subvarietäten, wie der immer wieder erwähnte "Liebinger Dialekt", sind zusätzlich vom Kroatischen, der nicht nur zahlenmäßig stärksten Minderheit des Burgenlands, beeinflusst. Anzunehmen ist, dass heute auch Sprecher des südslowakischen Romungro und des ostslowakischen oder Servika-Romani, einer nordzentralen Varietät, im Großraum Wien leben.

  • Vlax-Varietäten

    Aufgrund ihrer gemeinsamen Herkunft aus der Walachei und angrenzenden Gebieten weisen alle Vlax-Dialekte rumänischen Einfluss auf. Die Varietäten der Lovara, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert sowie infolge des sogenannten "Ungarnaufstands" 1956 nach Österreich kamen, sind zusätzlich vom Ungarischen geprägt. Gleiches gilt für die Varietät der ebenfalls aus dem ehemaligen ungarischen Großraum, dem heute serbischen Teil des Banat der Vojvodina, ab den 1960er Jahren gekommenen Banatoske Roma. Ihr Nord-Vlax-Dialekt ist zudem ebenso vom Serbokroatischen bzw. vom Serbischen geprägt wie die Varietäten der Kaldera š und Gurbet, die ebenfalls ab den 1960er Jahren als Arbeitsmigranten in erster Linie aus dem serbischen Teil des ehemaligen Jugoslawiens gekommen sind. Im Gegensatz zum Kaldera š-Romani, das zu den Nord-Vlax-Dialekten gerechnet wird, sind die Gurbet-Varietäten als Süd-Vlax-Dialekte klassifiziert. Anzunehmen ist, dass neben serbischen Gurbet auch Sprecher bosnischer und kroatischer Varietäten sowie des mazedonischen Džambazi-Romani, einer weiteren Varietät des Gurbet-Clusters, in Österreich leben.

  • Balkan-Varietäten

    Die Varietäten der Arli bilden eines der umfangreichsten Dialekt-Kontinua des Balkans. Im heutigen Österreich lebende Arli-Sprecher sind hauptsächlich als Arbeitsmigranten aus dem ehemaligen Jugoslawien gekommen. Man kann heute Sprecher mazedonischer, kosovarischer und serbischer Arli-Dialekte unterscheiden, wobei die Dialekte der Arli aus Prilep / Mazedonien und Prizren/Kosovo eine Sonderstellung innerhalb des Dialekt-Clusters einnehmen. Von der Balkan-II-Subgruppe der sogenannten "zis-Dialekte" des Romani leben Sprecher des Bugurd ž i- bzw. Kova č ki-Romani in Österreich. Als Teil des ehemaligen westrumelisch-osmanischen Kulturraums sind all diese Dialekte vom Türkischen geprägt und weisen zudem auch mehr Merkmale des Griechischen auf als die Dialekte der anderen Gruppen; das Griechische war vor dem Türkischen die zumindest kulturell dominierende Sprache auf dem Balkans. Weitere gemeinsame Kontaktsprache ist das Serbokroatische, das die heutigen Staatssprachen Albanisch, Makedonisch und Serbisch im ehemaligen Jugoslawien dominierte bzw. subsumierte. Neben den Dialekten der Arli und Bugurd ž i finden sich unter der aus der Türkei gekommenen Bevölkerung auch Sprecher anderer Balkan-Dialekte wie beispielsweise des aus Izmir stammenden Sepe č ides-Romani. Anzunehmen ist, dass unter den teilweise nur temporär in Österreich anwesenden Roma aus Bulgarien und Rumänien Sprecher weiterer Balkan-Varietäten anzutreffen sind; beispielsweise des Ursari-Romani, der zahlenmäßig größten Sprechergruppe Rumäniens.

Die vertikale Anordnung der Kontaktsprachen in Tabelle 1 entspricht der zeitlichen Abfolge der verschiedenen Sprachkontaktsituationen. Neben dieser chronologischen Schichtung der jüngeren Entlehnstrata, von denen die meisten bereits in obiger Beschreibung behandelt sind, zeigt diese Auflistung auch die potentielle Mehrsprachigkeit der einzelnen Sprechergruppen; potentiell deshalb, da das vollständige Kompetenzspektrum, wenn überhaupt, nur individuell vorhanden ist.

Gemeinsam ist allen österreichischen Romani-Varietäten der deutsche Einfluss, der sich jedoch aufgrund der verschieden langen Aufenthaltsdauer im deutschsprachigen Raum unterschiedlich auswirkt: Am stärksten vom Deutschen geprägt ist das Sinti-Romani, gefolgt vom Burgenland-Romani und dem Lovara-Romani, wobei in letzterem Fall Unterschiede zwischen den beiden Subgruppen zu beobachten sind: Das Romani der 1956 eingewanderten ist weniger stark vom Deutschen beeinflusst als das der um 1900 gekommenen. Bei den ab den 1960er Jahren eingewanderten Roma ist der Einfluss des Deutschen gegenüber den länger ansässigen bei weitem geringer.

Neben den hier aufgelisteten leben möglicherweise noch Sprechergruppen anderer Dialekte des Romani in Österreich, die von der Forschung nicht erfasst sind und vielleicht auch nie erfasst werden, da sich ihre Sprecher u.a. nicht als Roma deklarieren.

Mehrsprachigkeit und Sprachverwendung

Einen Überblick über die sprachlichen Repertoires der einzelnen österreichischen Roma-Gruppen gibt die folgende Tabelle:2

Tabelle 2
PRIVAT ALLTÄGLICH ÖFFENTLICH
Sinti A DEUTSCH Romani DEUTSCH (Romani) DEUTSCH
J DEUTSCH (Romani) DEUTSCH (Romani) DEUTSCH
Burgenland A DEUTSCH Romani DEUTSCH (Ungarisch oder Kroatisch) [Romani] DEUTSCH
J DEUTSCH (Romani) DEUTSCH [Ungarisch oder Kroatisch] [Romani] DEUTSCH
Lovara A DEUTSCH Romani DEUTSCH (Ungarisch) Romani DEUTSCH
J DEUTSCH (Romani) DEUTSCH (Romani) DEUTSCH
Kalderaš, Gurbet, etc. A (Deutsch) Serbisch ROMANI (Deutsch) Serbisch Romani (Deutsch) Serbisch
J DEUTSCH Serbisch Romani DEUTSCH (Serbisch) Romani DEUTSCH
Arli, Bugurdži, Prizren,
etc.
A (Deutsch) Albanisch/Makedonisch/Serbisch ROMANI (Deutsch) Albanisch/Makedonisch/Serbisch Romani (Deutsch) Albanisch/Makedonisch/Serbisch
J DEUTSCH Albanisch/Makedonisch/Serbisch Romani DEUTSCH (Albanisch/Makedonisch/Serbisch) Romani DEUTSCH
Prilep A (Deutsch) MAKEDONISCH Romani Deutsch MAKEDONISCH (Romani) Deutsch Makedonisch
J DEUTSCH Makedonisch (Romani) DEUTSCH Makedonisch (Romani) DEUTSCH

A / J ältere Generation(en) / jüngere Generation(en)
( ) / [ ] geringe Verwendung / sehr geringe Verwendung
PRIVAT Varietäten des sozialen Mikrokosmos (Familie, Freunde, etc.)
ALLTÄGLICH Varietäten des sozialen Makrokosmos (Bekannte, Arbeitsplatz, Fremde auf der Straße, etc.)
ÖFFENTLICH Varietäten der (formellen) Öffentlichkeit (Behörden, Schule, Medien, etc.)

VERSALIEN primäre Sprache
( Ungarisch) gilt nur für die 1956 eingewanderten Lovara

Auf dem Hintergrund der sozio-historischen Entwicklung der einzelnen Gruppen lässt sich aus Tabelle 2 allgemein ablesen, dass die Rolle des Deutschen im Repertoire mit der Aufenthaltsdauer in Österreich, dem Öffentlichkeitsgrad der Kommunikationssituation und dem Alter des Sprechers korreliert: je länger, je öffentlicher, je jünger, desto stärker dominiert das Deutsche. Das entspricht im allgemeinen der Situation dominierter Sprachen, deren Sprecher unter starkem Assimilationsdruck stehen. Abgesehen von den Repertoires der älteren Mitglieder der zuletzt einge­wanderten Sprechergruppen aus Südosteuropa, die meist nur über eingeschränkte Kompetenz in der Amts­sprache verfügen, fungieren ausschließlich Varietäten des Deutsche in der Sprachverwendung in öffentlichen Do­mänen. Zumindest für einen Teil der älteren Generationen der ab den 1960erJahren gekommen Sprechergruppen ist Deutsch im öffentlich-amtlichen Kontext nicht unbedingt notwendig, da in diesen Situationen zumeist deutsch-kompetente jüngere Familienmitglieder als Dolmetscher fungieren. Dass die älteren Generationen noch die Sprache des Herkunftslands in formellen Funktionen verwenden, hängt in erster Linie mit den noch intakten Bindungen nach Serbien, in den Kosovo bzw. nach Mazedonien und den damit ver­bundenen Kontakten auch mit den Behörden in diesen Ländern zusammen.

Bei Sinti, Burgenland-Roma und Lovara beider Altersgruppen sowie bei den jüngeren Generationen der als Arbeitsmigranten gekommenen Roma-Gruppen dominiert das Deutsche im gesamten Repertoire und damit auch in allen linguistischen Domänen. Das hat einerseits wiederum mit der Aufenthaltsdauer der einzelnen Sprechergruppen im deutschsprachigen Raum zu tun, andererseits aber auch mit dem relativ hohen Assimi­lationsgrad, der sich an der domänenspezifischen Sprachver­wendung ablesen lässt. Assimilationsindex ist dabei die Dominanz des Deutschen in privaten Domänen bzw. seine Verwendung als Intimvarietät im sozialen Mikrokosmos. Ursache für die sprachliche Assimilation ist das deutschsprachige Um­feld: Kindergarten, Schule, der halböffentliche Alltag, Arbeitsplatz, Einkaufen, etc., und die Medien, Zeitungen, Radio, Fernsehen etc., sind deutsch. Verstärkend wirkt sich in diesem Zusammenhang die Einstellung man­cher Eltern aus, dass es besser wäre, mit den Kindern nur Deutsch zu sprechen, um ihnen dadurch "den Lebensweg zu erleichtern". Dahinter stecken in erster Linie öko­nomische Überlegungen: Nur hohe Kompetenz in der Mehrheitssprache ermöglicht Bildungszugang und damit auch die Teilnahme an der Wohlstandsgesellschaft. Die Verwendung der Intimvarietät, des Romani, das keinerlei diesbezüglichen "ökonomischen Wert" hat, erschwert den sozialen Aufstieg. Berücksichtigt man die "selbst verordnete Zwangsassimilation" bei den Burgenland-Roma, das aus den negativen Erfahrungen in Kriegs- und Nachkriegs­zeit resultierende "nicht länger Zigeuner sein Wollen", wird klar, warum die skiz­zierte Spracheinstellung – Romani ist für das künftige Leben der Kinder nur hinder­lich – bei dieser Gruppe relativ stark ausgeprägt ist.

Abgesehen von den Sinti, sind alle Gruppen im sozialen Makrokosmos mehrsprachig und verwenden in alltäglichen Domänen wie Kommunikation mit Bekannten, am Arbeitsplatz, beim Einkauf, in der Freizeit, mit Fremden im öffentlichen Raum, etc. neben dem Deutschen auch Romani und die Sprachen des Herkunftslands bzw. anderer Minderheiten. Letzteres trifft auf Burgenland-Roma zu , die z. T. noch Kompetenz im Ungarischen und Kroatischen, den beiden anderen burgenländischen Minderheitensprachen haben. Bedeutung und Funktion dieser Sprachen haben im Repertoire der Burgenland-Roma jedoch in den letzten Jahrzehnten parallel dem Rückgang in der Sprachver­wendung innerhalb der ungarischen und kroatischen Minderheiten selbst abgenom­men. Nur noch ältere Roma, die in ungarischen oder kroatischen Orten bzw. Sprachinseln leben, haben heute noch volle Kompetenz. Die jüngeren Generationen haben, wenn überhaupt, nur noch passive Teilkompetenz im Ungarischen oder Kroa­tischen. In privaten und öffentlichen Domänen spielen die Sprachen der anderen Volksgruppen heute fast keine Rolle mehr. Gleiches gilt für das Ungarische im Repertoire der Lovara: Ungarische Varietäten fungieren weder in privaten noch in öffentlichen Domänen. Die Verwendung im Alltag ist zudem nur noch in der älteren Generation der 1956 eingewanderten Subgruppe gegeben, wenn die Familien bzw. einzelne Personen noch, oder wieder Kontakte mit Verwandten oder Bekannten in Ungarn haben. Im Gegensatz zu Burgenland-Roma und Lovara sind die meisten Mitglieder der ab den 1960er Jahren gekommenen Gruppen zumeist noch dreisprachig. Bei den den jüngeren Generationen verliert jedoch die Sprache des Herkunftslands – Albanisch, Makedonisch, Serbisch – immer mehr an Bedeutung, was sich auch in der geringeren Verwendung im Alltag äußert und seine Ursache in der schwächeren Bindung der Jüngeren ans Herkunftsland der Eltern hat. Die Älteren verwenden die Herkunftslandsprachen einerseits im Kontakt mit anderen als Arbeitsmigranten vom Balkan gekommenen Bekannten, andererseits aber auch mit Gad­že im Herkunftsland. Aufgrund dieser Kontakte werden die Herkunftslandsprachen nicht nur im Alltag, sondern auch in öffentlichen Domänen verwendet.

Für die Arli aus Prilep ist das Makedonische nicht nur Kommunikationsmittel im Kontakt mit befreundeten Arbeitsmigranten und Gadže im Herkunftsland, sondern auch gemeinsames Kommunikationsmittel zwischen den Generationen. Daraus resultiert die Funktion des Makedonischen, welches das Romani als Intimvarietät abgelöst hat, in privaten Domänen. Das Romani verliert mit abnehmendem Alter der Sprecher seine Bedeutung im Repertoire. Gemeinsame Sprache der Generationen und damit auch gruppenkonstituierender Faktor ist das Makedonische. Romani fungiert zumeist nur noch als internes Kommunikationsmittel der älteren Generation und z. T. auch im Kontakt mit anderen Roma aus dem bzw. im Herkunftsland.

Bei den Kalderaš und z. T. auch bei Gurbet und Banatoske-Roma wird die interne Kommunikation noch vom Romani dominiert. Es ist primärer basilektaler Diatyp und fungiert auch als mesolektaler Diatyp im Kontakt mit anderen Vlach-Roma. Grund hierfür ist die großteils intakte Soziostruktur und der über Landesgrenzen hinweg funktionierende Zusammenhalt innerhalb der Großfamilien bzw. den Sippen. Familienzusammenhalt und intakte Soziostruktur sind auch die primären Parame­ter für die Romani-Verwendung bei den 1956 eingewanderten Lovara. In Familien, wo der Zusammenhalt noch gegeben ist und die tradierten Konventionen des Zu­sammenlebens noch bestehen, ist auch das Romani als Intim-Varietät im Gebrauch. Fehlt der Familienzusammenhalt, wird Romani in der internen Kom­munikation selten bis gar nicht gebraucht. Ähnliches gilt für die im vorigen Jahrhundert eingewanderten Lovara, die Burgen­land-Roma und auch die Sinti. Wo es gelungen ist, die durch den Genozid ver­ursachte Zäsur – Verlust der Soziostruktur, da die kultur- und damit auch sprach­tradierende Großelterngeneration in den KZs ermordet wurde – zu überwinden und die ursprüngliche Soziostruktur teilweise wieder herzustellen, fungiert auch heute noch das Romani gleichberechtigt neben dem Deutschen im sozialen Mikrokosmos. Für Sinti und Lovara, die in erster Linie im städtischen Bereich leben, ist die Situation von Fa­milie zu Familie verschieden. Bei denjenigen Burgenland-Roma, die im ländlichen Raum, im Burgenland geblieben sind, gibt es einige wenige "Sprachinseln", in denen das Burgenland-Romani, als gleichbe­rechtigt neben dem Deutschen in Verwendung ist. Im Alltag wird Romani eher von älteren als von jüngeren Spre­chern verwendet: Das Rómanes ist während der sommerlichen Mobilität der Sinti im Kontakt mit anderen, in- und ausländischen Gruppen von Bedeutung. Die Lovara verwenden ihre Romani-Varietät im Umgang mit anderen Lovara- und Vlach-Roma-Gruppen. Burgenland-Romani, wird selten im sozialen Makrokosmos gebraucht, und wenn, dann nur im Kontakt mit sprachlich verwandten Gruppen in Slowenien, Un­garn und der Slowakei, die ebenfalls südzentrale Varietäten sprechen. Kontakte mit Angehörigen dieser Gruppen sind aufgrund der Isolation der Burgenland-Roma in­nerhalb der europäischen Roma-Sozietät jedoch relativ selten und eher auf Vereinsebene denn durch individuell-persönliche Kontakte gegeben.

Nicht aufgenommen in obige Repertoire-Tabelle sind die erst in den letzten Jah­ren hinzugekommenen öffentlichen Funktionen einzelner Romani-Varietäten. Auf­grund der Verwendung in den Medien und z. T. auch im politischen Kontext fungiert Romani mitt­lerweile auch in formellen Domänen. Es handelt sich dabei jedoch um einen domänenreduzierten Gebrauch: In allen anderen formellen Domänen – Bil­dung, Wirtschaft, Recht, etc. – wird Romani nach wie vor nicht, oder kaum verwendet. Außerdem ist die mediale Verwendung einerseits auf Eliten beschränkt und wird andererseits z. T. auch von Gadže mitbestimmt, was ebenfalls dafür spricht, diese Funktion nicht in die Beschreibung der jeweiligen kollektiven Repertoires der einzelnen Sprechergruppen aufzunehmen. Ähnliches gilt für die Verwendung von Romani-Varietäten im religiösen Kontext, bei offiziellen Anlässen und im international-politischen Kontext; Situationen, die sich auf einige wenige Repräsentanten der jeweiligen Gruppe beschränken und deshalb ebenfalls nicht in den in Tabelle 2 skizzierten kollektiven Repertoires aufscheinen.

Tabelle 3 bietet einen zusammenfassenden Überblick sowohl über die Mehrsprachigkeit als auch über Sprachverlust und Spracherhalt bzw. das Beibehaltungs-Wechsel-Szenario (maintenance-shift scenario) der einzelnen Gruppen.

Tabelle 3
Gruppe Beibehaltungs-Wechsel-Szenario Plurilingualismus
Sinti Wechsel: Romani > Deutsch monolingual: Deutsch[ bilingual: Deutsch-Romani]
Burgenland Wechsel: Romani > Deutsch monolingual: Deutsch
[ bilingual: Deutsch-Romani]
{ plurilingual: Deutsch-Romani-HUN/ HRV}
Lovara Wechsel: Romani > Deutsch monolingual: Deutsch
( bilingual: Deutsch-Romani)
{ plurilingual: Deutsch-Romani-Ungarisch}
Banatoske Beibehaltung: Romani Wechsel: Serbisch > Deutsch { monolingual: Deutsch}
bilingual: Deutsch-Romani
[ plurilingual: Deutsch-Romani-SRP/ HUN]
Kalderaš / Gurbet Beibehaltung: Romani Wechsel: Serbisch > Deutsch { monolingual: Deutsch}
bilingual: Deutsch-Romani
( plurilingual: Deutsch-Romani-Serbisch)
Arli / Bugurdži / Priren Beibehaltung: Romani Wechsel: MKD/ SQI/ SRB > Deutsch { monolingual Deutsch}
bilingual: Deutsch-Romani
( plurilingual: Deutsch-Romani-MKD/ SQI/ SRB)
Prilep-Arli Wechsel: Romani > Makedonisch Wechsel: Makedonisch > Deutsch [ monolingual: Deutsch]
bilingual: Deutsch-Makedonisch
{ plurilingual: Deutsch-Makedonisch-Romani}

(...) = eher selten // [...] = selten // {...} = sehr selten
ISO 639-3 Kodes: HRV = Kroatisch / HUN = Ungarisch / MKD = Makedonisch / SQI = Albanisch / SRB = Serbisch

Was das Beibehaltungs-Wechsel-Szenario anbelangt, zeigt auch Tabelle 3 den bereits mehrfach erwähnten generellen Wechsel der einzelnen Sprechergruppen zum Deutschen. Bei den primär bilingualen Gruppen – Sinti, Burgenland-Roma, Lovara – geht die Tendenz in Richtung praktischen Monolingualismus im Deutschen. Obwohl das Romani durch seine Anerkennung als österreichische Minderheitensprache neue symbolische Funktionen erhält, geht sein aktiver Gebrauch stetig zurück bzw. verliert es permanent an kommunikativen Funktionen bei den erwähnten Sprechergemeinschaften.

Bei den ab der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts als Arbeitsmigranten und Flüchtlingen nach Österreich gekommenen Roma geht die Tendenz in Richtung Aufgabe der Sprache des Herkunftslands und Bilingualismus, wobei das Romani immer mehr in den informell-privaten Bereich zurückgedrängt wird und das Deutsche immer stärker dominiert. Einzig bei den Arli aus Prilep sind die skizzierten Rollen zwischen dem Romani und der Herkunftslandsprache vertauscht. Anzunehmen ist, dass der beschriebene Bilingualismus in weiterer Folge ähnlich dem der schon länger in Österreich ansässigen Gruppen in Richtung Monolingualismus tendiert. Das entspräche im übrigen auch den gängigen Sprachwechsel-Szenarien unter massivem Assimilationsdruck.

Anzumerken ist in diesem Zusammenhang jedoch die Tatsache, dass Einzelfälle gegenüber den eben beschriebenen Tendenzen vollkommen konträr sein können. Ebenfalls erwähnt werden muss, dass die Projektion einer künftigen Tendenz zum Monolingualismus nur auf Basis von Erfahrungswerten und der Annahme einer unveränderten monolingualen Bildungs- und Medienpolitik Realität beruht. Außerdem ist keineswegs vorhersagbar, ob die offizielle Anerkennung als nationale Minderheit und damit in Verbindung stehende internationale Verpflichtungen, wie beispielsweise im Rahmen der Charter für Regional und Minderheitensprachen sowie des Rahmenübereinkommens zum Schutz Nationaler Minderheiten des Europarats nicht doch dazu beitragen, dass wenigstens der Bilingualismus Romani-Deutsch erhalten bleibt. Zudem ist auch nicht vorhersagbar wie sich kollektive und individuelle Spracheinstellungen entwickeln und wie sie die Romaniverwendung beeinflussen.3

Spracheinstellung

Ähnlich den bisher behandelten linguistischen und soziolinguistischen Parametern differiert auch die Spracheinstellung zwischen den einzelnen Gruppen.

Bei Roma mit Kontinuität in der Sprachtradierung – vorwiegend bei den ab den 60er Jahren als Arbeitsmigranten und Flüchtlingen nach Österreich gekommenen – ist das Romani selbstverständlicher Teil der Identität, spielt je­doch keine besondere Rolle als bewusster Identitätsmarker. Sprache ist ein Faktor unter mehreren, die in Summe das ethnische Selbstbewusstsein ausmachen. Bewusster Faktor wird Sprache bei Angehörigen dieser Gruppen immer erst dann, wenn sie aktiv am Selbstorganisationsprozess teilnehmen. Da dieser nach den Vorgaben der Mehrheitsgesellschaft erfolgt, werden auch deren Konzepte, u.a. die europäische Nationalstaatenideologie, zur Grundlage der sozialen Mimikry, der zugrunde liegenden Strategie der Emanzipationsbewegung. Gleich den europäischen Nationen wird dadurch das Romani für die "Nation der Roma" zum Identitätsfaktor, was sich wiederum in Sprachbewusstsein und positiver Spracheinstellung der involvierten Roma äußert. Veränderungen in der kollektiven Spracheinstellung der von diesen Aktivisten repräsentierten Gruppen sind jedoch keineswegs selbstverständliche Folge. Häufig beschränkt sich die positive Spracheinstellung auf die wenigen aktiven Vertreter und das Romani bleibt für die Mehrheit der Sprecher eine nicht bewusst wahrgenommene Selbstverständlichkeit. Diese Einstellung ist, wie gesagt, häufig bei all jenen Gruppen anzutreffen, bei denen das Romani die interne Kommunikation dominiert; d.s. Arli, Bugurdži, Gurbet, Kalderaš, etc.

Im Fall der Lovara ist das Bild gespalten: Einerseits wird – in erster Linie von Angehörigen der älteren Generationen – immer wieder betont, wie wichtig die eigene Sprache für das Selbstverständnis und die Gruppenidentität sei, andererseits bleibt es jedoch häufig beim bloßen Lippenbekenntnis. Das Romani wird meist nicht an die jüngere Generation weitergegeben. Ein Teil der Jungen ist bereits sprachlich assimiliert und hat – wenn überhaupt – nur noch passive Kompetenz im Romani. Von vielen, auch älteren Sprecher wird das Romani bereits als Sprache einer teilweise auch retrospektiv glorifizierten Vergangenheit in Unabhängigkeit und Freiheit gesehen, das aufgrund der geänderten Lebensbedingungen seinen Sinn und seine Funktionen verloren hat.

Ähnlich ist die Situation bei den Sinti. Auch bei ihnen ist die überwiegende Mehrheit der jüngeren Generationen de facto monolingual deutschsprachig. Im Gegensatz zu den jungen Lovara ist das Rómanes bzw. Sintitikes, wie die Sinti ihre Romani-Varietäten bezeichnen, aber auch für diese sprachlich assimilierten Jugendlichen in der Regel Identitätsfaktor. Das hängt höchstwahrscheinlich mit der unter den österreichischen Sinti vorherrschenden Spracheinstellung zusammen: Für sie ist Rómanes ein tabuisierter In-Group-Marker, der an Gadže keineswegs "verraten" werden darf. Zwar findet man diese aus dem Holocaust-Trauma resultierende Einstellung z. T. auch bei älteren Lovara und Burgenland-Roma, aber nicht in dieser Konsequenz und mit denselben Auswirkungen wie bei den Sinti. Angehörige der anderen, später gekommenen Gruppen sehen das Romani hingegen kaum als Schutzsprache. Sie haben keinerlei Ressentiments gegenüber Gadže, die Inter­esse an ihrer Sprache zeigen und diese lernen wollen.

Für einige Burgenland-Roma ist das Romani in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg als Teil des "Zigeunerseins", dem sie entfliehen wollen, negativ besetzt. Mit der Selbstorganisation in den späten 1980er Jahren wird das Roman, wie sie ihre Romani-Varietät bezeichnen, zum primären Identitätsfaktor; auch für Gruppenangehörige, die nach eigener Einschätzung über geringe oder nur passive Sprachkompetenz verfügen. Diese Spracheinstellung ist Resultat der Selbst­organisation, wodurch Repräsentanten der Burgenland-Roma mit Angehörigen anderer Roma-Gruppen in Kontakt kommen. Erst die Tatsache, dass bei diesen das Romani die gruppeninterne Kommunikation dominiert, lässt die Burgenland-Roma den starken Rückgang in der eigenen Sprachverwendung als Verlust empfinden. Dadurch werden spracherhaltende Aktivitäten zu einem der Hauptanliegen in der Kulturarbeit, was die positive Spracheinstellung bewirkt und das Roman zu einem bewussten Teil der Identität macht.4

Gruppen, die einen Sprachwechsel vollzogen haben und bei denen das Romani in seiner identitätsstiftenden Funktion von der Mehrheitssprache des jeweiligen Herkunfts­lands abgelöst wurde, wie bei den Arli aus Prilep / Mazedonien, nehmen das Romani, wenn überhaupt, nur noch als Sprache der Alten bzw. der Vergangenheit wahr.

Fazit

Bezüglich seiner linguistischen und soziolinguistischen Parameter zeigt das österreichische Romani die gleiche Vielfalt wie seine Sprecher bzw. Sprechergruppen bezüglich ihres jeweiligen soziokulturellen, soziohistorischen und soziopolitischen Hintergrunds. Dass diese Beschreibung nur eine bedingte Momentaufnahme ist, verdeutlicht sowohl die einleitende Beschreibung der einzelnen Varietäten als auch die Tatsache, dass sich die Darstellung auf keinerlei haltbare empirische Basis stützen kann. Da marginalisierte und stigmatisierte Randgruppen statistisch und demographisch kaum bis gar nicht fassbar sind, basieren derartige Beschreibungen immer auf Erfahrungen und Beobachtungen einzelner interessierter bzw. involvierter Personen. Im österreichischen Fall sind das die Mitarbeiter des Romani-Projekts und der weit über die Grenzen hinaus bekannte Forscher Mozes F. Heinschink, ohne den dieses Projekt nicht möglich wäre. Dass sich das auf dieser Basis skizzierte Bild permanent wandelt, braucht auf dem Hintergrund der Sozialdynamik in Europa und darüber hinaus wohl kaum besonders betont werden. Trotz aller Bedingtheiten dürfte diese Darstellung jedoch einen brauchbaren Eindruck von der Vielfalt des österreichischen Romani liefern.

1. ^ Höchstwahrscheinlich ‒ sowohl das Burgenland als auch die Prekmurje waren Teil Ungarns ‒ haben diese drei Varietäten in der Vergangenheit einen Dialekt-Cluster gebildet, der durch die politische Entwicklung im 20. Jahrhundert in drei Varietäten mit unterschiedlichen primären Kontaktsprachen zerfallen ist.

2. ^ Ausführlicher zum Repertoire-Modell siehe Halwachs (1993).

3. ^ Zudem sind weder Linguistik noch Soziolinguistik prognostische Wissenschaften.

4. ^ Die Tatsache, dass die Bedeutung der eigenen Sprache als Identitätsfaktor parallel dem Rückgang in der Sprachverwendung steigt, beschränkt sich weder auf die Burgenland-Roma noch auf Sprecher des Romani.