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Die Österreichischen Roma

In Österreich leben heute einige zehntausend Roma, wobei als "Österreichische Roma" alle auf österreichischem Staatsgebiet lebenden Roma, unabhängig ihres soziopolitischen Status zu verstehen sind. Vorsichtige Schätzungen sprechen von mindestens 25.000. Daneben werden jedoch immer wieder bei weitem höhere Zahlen genannt. Die quantitative Demographie ist bei stigmatisierten und marginalisierten Minderheiten in demokratischen Systemen grundsätzlich problematisch, da es (glücklicherweise) keinerlei Verpflichtung oder Zwang gibt, sich öffentlich zu einer benachteiligten Gruppe zu bekennen. In der Regel kann deshalb angenommen werden, dass konservative Schätzungen am unteren Ende des möglichen Zahlenspektrums liegen. Deswegen dürfte im Fall der österreichischen Romapopulation durchaus eine realistische Zahl von um die 50.000 anzusetzen sein.

Die österreichischen Roma bilden keineswegs eine homogene Gruppe. Die Situation in Österreich ist ähnlich der in vielen, primär westeuropäischen Ländern, in denen sich die Roma-Bevölkerung grundsätzlich aus drei Gruppen unterschiedlichen soziohistorischen Hintergrunds zusammensetzt, was sich wiederum aus drei "Migrationswellen" mit gesamteuropäischen Auswirkungen begründet. Diese drei Gruppen sind in sich wiederum heterogen:1

  • 1. Migration / Ersteinwanderung - indigene Romabevölkerung, die meist seit dem 15. bzw. frühen 16. Jahrhundert im jeweiligen Gebiet lebt;
  • 2. Migration / Vlach-Migration – Vlach-Roma, die sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts ausgehend von der Walachei, Moldavien und benachbarten Gebieten in Folge soziopolitischer Veränderungen wie Abschaffung von Leibeigenschaft und Sklaverei in diesen Ländern weltweit verbreitet haben;
  • 3. Migration / (Süd)Ost-West Migration – Arbeitsmigranten und Flüchtlinge, die ab den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts aus Ost- und Südosteuropa in den wirtschaftlich höher entwickelten und soziopolitisch stabileren Westen Europas gekommen sind.

Demographische Parameter

Tabelle 1 gibt einen Überblick über die österreichische Romapopulation unter Berücksichtigung dieser drei gesamteuropäischen Migrationsbewegungen.

Was die verwendeten Gruppenbezeichnungen anbelangt, sind diese heterogen: Neben geographischen Bezeichnungen – Burgenland Roma, Banat-Roma – finden sich Berufsbezeichnungen – Kalderaš 'Verzinner' aus dem rumänischen căldărar, Lovara 'Pferdehändler' mit dem ungarischen lo 'Pferd', Bugurdži 'Bohrermacher', das sich auf türkisch burgu 'Bohrer' zurückführen lässt; weiters Statusangaben wie Arlije aus dem türkischen yerli 'einheimisch' und Gurbet aus dem türkischen gurbet 'Fremde', was einerseits als Hinweis auf lange Sesshaftigkeit, andererseits auf spätere Zuwanderung – Gurbet sind Vlach-Roma – zu interpretieren ist. Einzig das Ethnonym Sinti bleibt unklar und ist auch erst spät als Selbstbezeichnung bei den Ersteinwanderern in den deutsch-mitteleuropäischen Kulturraum aufgetreten. Diese bezeichneten sich ursprünglich als Kale, dem substantivierten Plural des Romaniadjektivs kalo 'schwarz'.

Daten zur österreichischen Romapopulation
Migration Gruppen Emigrationsregion Immigrationszeit Siedlungsgebiet
1 Burgenland-Roma Süd-Ost-Europa
[Ungarn]
15. Jahrhundert Burgenland
[ostösterreichische Städte]
Sinti Süd-Ost-Europa
[Böhmen, Mähren
& Süd-Deutschland]
15. Jahrhundert
[~ 1900]
hauptsächlich
in Städten
2 Lovara, ... Ungarn
[Slovakei]
~ 1900 [Burgenland]
Großraum Wien
3 1956 Großraum Wien
Banat-Roma,
Kalderaš,
Gurbet, ...
"Ex-Jugoslawien"
Bosnien, Montenegro, Serbien, Vojvodina, ...
von Mitte
der 1960er an
Arlije,
Bugurdži,
...
"Ex-Jugoslawien"
Kosovo, Macedonien, Serbien, ...
Andere Ost- & Südost-Europa von Ende
der 1980er an
Daten zur österreichischen Romapopulation (forgesetzt)
Migration Gruppen kultureller
Hintergrund
Religion soziopolitischer
Status
Anzahl
1 Burgenland-Roma österreichisch-
ungarisch
katholisch autochthon niedrig
~ 10%
Sinti österreichisch-
deutsch
christlich
2 Lovara österreichisch-
ungarisch
katholisch
3 allochthon
ausländisch
illegal
Banat-Roma,
Kalderaš,
Gurbet, ...
balkan-
slawisch
orthodox hoch
~ 90%
Arlije,
Bugurdži,
...
balkan-
osmanisch
muslimisch
Andere verschiedene verschiedene

Die in dieser und den folgenden Tabellen verwendeten Daten beruhen auf Beobachtungen, in erster Linie von Mozes F. Heinschink, während der letzten Jahrzehnte. Es handelt sich dabei keineswegs um empirische sondern um impressionistische, auf Erfahrungswerten basierende Daten; im übrigen die einzige realistische Möglichkeit, Aussagen über stigmatisierte, diskriminierte, isolierte und z.T. auch traumatisierte Randgruppen treffen zu können.

Emigrationsland und Immigrationszeit

Ersteinwanderer in den deutschsprachig-mitteleuropäischen Kulturkreis waren – wie eben erwähnt – die Sinti, deren Anwesenheit ab dem 15. Jahrhundert belegt ist. Siedlungskontinuität auf heute österreichischem Gebiet lässt sich (bisher) jedoch erst ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert nachweisen. Für eine hohe Mobilität der Ersteinwanderer spricht die Tatsache, dass man u.a. im heutigen Norditalien und in Russland Sinti-Gruppen als Estrexarja 'Österreicher' bezeichnet. Anzunehmen ist, dass sich die Mehrzahl der heute auf österreichischem Staatsgebiet lebenden Sinti erst um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhunderts angesiedelt hat.

Am längsten durchgängig auf dem Gebiet des heutigen Österreich leben die Burgenland-Roma, die ab dem späten 15. Jahrhundert aus Zentralungarn einwanderten und seither den ungarisch-pannonischen Raum, dessen Westrand ja das heutige Burgenland war, nicht verlassen haben.

Die Einwanderung von Lovara ab dem späten 19. Jahrhundert, als Teil der zweiten gesamteuropäischen Migrationsbewegung, der Vlach-Migration, und die von Sinti um 1900 kann man durchaus auch als Binnenwanderung bezeichnen: Sowohl die Lovara als auch ein Großteil der Sinti kamen aus anderen Gebieten der damaligen Österreich-Ungarischen Monarchie; die einen aus Ungarn und der Slowakei, die anderen aus Böhmen und Mähren, der heutigen Tschechischen Republik. Einige Sinti-Familien kamen auch aus Süddeutschland.

Weitere Lovara flohen 1956 während des sogenannten "Ungarn-Aufstands" nach Österreich. Obwohl im Rahmen der Vlach-Migration nach Ungarn gekommen, sind sie zur dritten "Migrationswelle" zu rechnen. Ein Unterschied, der sich in den letzten Jahrzehnten aufzulösen beginnt und nur noch für die älteren Mitglieder der um 1900 eingewanderten Gruppe relevant ist.

Im Rahmen der Arbeitsmigration ab Mitte der 60er-Jahre kommt es zur Zuwanderung von Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien: Vlach-Roma, u.a. Kalderaš, Gurbet, Banat-Roma, aus Zentral Serbien, der Vojvodina, Montenegro, Kroatien und Bosnien sowie Arlije, Bugurdži, etc. aus dem Kosovo und Mazedonien, aber auch aus dem Süden Serbiens. Die mit Ende der 80er-Jahre verstärkt einsetzende Zuwanderung von Roma aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks ist demographisch kaum erfasst. Ähnliches gilt für Flüchtlinge aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens, obwohl man annehmen kann, dass sich diese teilweise, aufgrund ähnlichen oder gleichen Herkunftshintergrunds in bereits länger ansässige Gruppen von Arbeitsmigranten integriert haben.

Siedlungsgebiet

Der Großteil der Einwanderer vom Balkan sowie der Lovara lebt heute im Großraum Wien. Sinti findet man hauptsächlich in Städten, wobei bezüglich der jeweiligen Anzahl ein Ost-West-Gefälle besteht. Auch die ab Ende der 80er-Jahre gekommen Roma halten sich vorwiegend im Großraum Wien auf. Einzig die Burgenland-Roma leben in der überwiegenden Mehrzahl im ländlichen Raum oder in Kleinstädten wie beispielsweise Oberwart, der aufgrund der Ermordung von vier Roma im Februar 1995 "bekanntesten" österreichischen Kleinstadt mit einer Roma-Siedlung. Unter den Burgenland-Roma ist jedoch zwischen denen, die sich als Roma bekennen, und denen mit bloßer Roma-Herkunft zu unterscheiden. Die Mitglieder der zweiten Gruppe, die sich nicht als Roma deklarieren, sind ab den 50er-Jahren aus dem Burgenland in ostösterreichische Städte, vornehmlich in den Großraum Wien, abgewandert. Sie sind heute weitestgehend an die Mehrheitsbevölkerung, der ihre Herkunft meist unbekannt ist, assimiliert und folglich – wenn überhaupt – nur noch bedingt als Roma zu sehen.2

Kultureller Hintergrund

Was den kulturellen Hintergrund der in Tabelle 1 aufgelisteten Gruppen anbelangt, so richtet sich dieser in der Regel nach dem Kulturkreis, in dem sich die jeweilige Gruppe am längsten aufgehalten hat. Basis der jeweiligen Charakterisierung ist die Tatsache, dass "Romakultur" immer auch Kontaktkultur ist, wodurch sie sich aber keineswegs vom jeweiligen kulturellen Hintergrund der zugehörigen Mehrheitsbevölkerung unterscheidet, denn jede Kultur ist immer auch von Kontakt geprägt. Das wird im Fall der Roma besonders deutlich, da sie, obwohl z.T. bis heute soziopolitisch marginalisiert und auf ökonomische Dienstleistungsnischen reduziert, gerade deswegen von der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung abhängig sind. Daraus resultiert wiederum intensiver Sozial- und folglich auch Kulturkontakt, der sich in Übernahmen kultureller Merkmale und Werte der Mehrheitsbevölkerung, u.a. deren Religionsbekenntnis, bis hin zu Assimilation manifestiert; wobei letztere in der Regel nur bei gleichzeitiger sozioökonomischer Integration eintreten kann.

Sinti sind als Ersteinwanderer in den deutschsprachigen Kulturkreis auch von diesem am stärksten geprägt. Ihr Aufenthalt im deutschsprachigen Österreich führt als sekundärer Parameter dann zum Etikett "österreichisch-deutsch" für die Charakterisierung ihres soziokulturellen Hintergrunds in Tabelle 1.3

Als Ersteinwanderer in den ungarischen Kulturkreis sind die Burgenland-Roma – das Burgenland war, wie bereits erwähnt, bis 1921 Teil Ungarns – von diesem geprägt. Die frühere Grenzlage zum deutschsprachigen Österreich, die auch im ehemaligen Westungarn dominante deutschsprachige Bevölkerung und die heutige Zugehörigkeit des Burgenlands zu Österreich rechtfertigen die Charakterisierung des soziokulturellen Hintergrunds als "österreichisch-ungarisch".

Ähnliches gilt für die österreichischen Lovara: Obwohl zu den Vlach-Roma gehörig und damit zumindest sprachlich auch "walachisch" bzw. rumänisch geprägt, dürften sie bereits vor ihrer Abwanderung vom Nordbalkan im Übergangs- bzw. Grenzbereich zwischen der Walachei und dem ab Beginn des zweiten Jahrtausend christlicher Zeitrechnung von Magyaren besiedeltem und ab dem 18. Jahrhundert von Österreich-Ungarn beherrschtem Transsilvanien/Siebenbürgen/Erdély gelebt haben. Die heute in Österreich ansässigen Lovara kamen entweder um die Wende zwischen dem 19.und 20. Jahrhundert aus Zentralungarn bzw. der damals ebenfalls ungarischen Slovakei oder in Folge des "Ungarnaufstands" von 1956 auf heute österreichisches Staatsgebiet. Man kann die Lovara durchaus auch als ungarische Vlach-Roma bezeichnen und aufgrund ihres langen Aufenthalts auf österreichisch-ungarischen und z.T. seit mindestens einem Jahrhundert auf heute österreichischem Staatsgebiet mit dem kulturellen Etikett "österreichisch-ungarisch" versehen. Im Gegensatz zu den Burgenland-Roma handelt es sich bei den Lovara aber nicht um Ersteinwanderer nach Zentralungarn, weshalb sie auch nicht mit dem z.T. pejorativ erachteten "Romungri" etikettiert werden; dieses steht für lange Aufenthaltsdauer bzw. Ansässigkeit und folglich auch zumindest teilweiser Assimilation an die ungarische Mehrheitsbevölkerung.

Ebenfalls zu den Vlach-Roma sind die als Arbeitsmigranten nach Österreich gekommenen Kalderaš, Gurbet und Banat-Roma zu rechnen. Wie die in der Tabelle 1 fehlende Trennlinie zwischen "österreichisch-ungarisch" und "balkan-slawisch" andeutet, sind die kulturellen Grenzen zwischen den Vlach-Gruppen fließend: Da Banat-Roma aus einem ehemals ungarischen Gebiet Serbiens, dem zur heutigen autonomen Provinz Vojvodina gehörigen Banat, stammen, dessen ungarische Minderheit bis heute nicht nur zahlenmäßig stark ist, sind sie sowohl ungarisch, als auch slawisch geprägt. Was ihren kulturellen Hintergrund anbelangt, stehen sie folglich zwischen "ungarisch" und "balkan-slawisch", wobei letzteres für den dominanten Einfluss ab dem 20. Jahrhundert steht. Die in Österreich lebenden Kalderaš stammen aus Zentralserbien und sind kulturell – abgesehen vom walachischen Substrat aller Vlach-Roma – als "balkan-slawisch" zu etikettieren. Die Mehrzahl der heute in Wien lebenden Gurbet stammt aus Zentralserbien und steht folglich ebenfalls in der "balkan-slawischen" Tradition. Gleiches gilt für Gurbet aus Kroatien und in der Regel auch für diejenigen, die aus Montenegro und der Vojvodina gekommenen sind. Hingegen stehen aus Südserbien und Bosnien gekommene muslimische Gurbet gleichzeitig in der balkan-muslimischen Kulturtradition, was in Tabelle 1 wiederum durch die fehlende Trennlinie zwischen "balkan-slawisch" und "balkan-muslimisch" indiziert ist. Gleiches gilt für die ebenfalls zumindest sprachlich zu den Gurbet zu rechnenden mazedonischen Džambas. Als ehemalige Bewohner Ex-Jugoslawiens und seiner Vorgängerstaaten rechtfertig der prägende slawische Einfluss jedoch das primäre Etikett "balkan-slawisch" für alle diese Gruppen.

Obwohl ebenfalls aus Teilrepubliken Ex-Jugoslawiens gekommen, sind Arlije, Bugurdži und andere muslimische Gruppen aus dem Kosovo und Mazedonien keineswegs primär dem "balkan-slawischen" Kulturkreis zuzurechnen. Aufgrund ihrer langen Sesshaftigkeit – Arlije kommt, wie erwähnt vom türkischen yerli und bedeutet 'hiesig, ansässig' – bzw. ihrer Anwesenheit im osmanischen Herrschaftsgebiet sind sie bis heute als Muslime kulturell von der westrumelisch-osmanischen bzw. der "balkan-muslimischen" Tradition geprägt. Anzumerken ist in diesem Zusammenhang auch das albanische Element in der balkan-muslimischen Kulturtradition. Sowohl im Kosovo als auch in Teilen Mazedoniens dominieren albanische Mehrheiten. In der osmanisch-muslimischen Kulturtradition stehen alle diejenigen Roma, die aus der heutigen Türkei als Arbeitsmigranten nach Österreich gekommen sind. Diese sind aufgrund ihrer (derzeit vermuteten) geringen Anzahl nicht gesondert in Tabelle 1 angeführt.

Dass diese kulturellen "Etiketten" einer soziokulturellen Hierarchie korrelieren, wird in Abschnitt 1.2. ausführlicher behandelt.

Die Zugehörigkeit von Roma zu einer Religionsgemeinschaft richtet sich in der Regel nach dem in der Mehrheitsbevölkerung des jeweiligen Emigrationslandes vorherrschenden Glaubensbekenntnis, das in der Regel wiederum den soziokulturellen Hintergrund korreliert. Die Zugehörigkeit zu jüngeren christlichen Glaubensgemeinschaften spielt bei den österreichischen Roma eine bisher eher untergeordnete Rolle.

Burgenland-Roma und Lovara sind in der Regel katholisch, was sowohl der ungarischen Herkunft als auch dem österreichischen Umfeld entspricht. Die Bevölkerungen beider Länder sin in der überwiegenden Mehrzahl katholisch. Unter den Sinti findet man sowohl Katholiken als auch Protestanten, was auch dem prägenden deutschen Kulturkreis entspricht.

Die Religionszugehörigkeit der Einwanderer vom Balkan entspricht ebenso wie die der späteren Immigranten dem Mehrheitsbekenntnis der Herkunftsländer. Die aus Zentralserbien eingewanderten Kalderaš und z.T auch Gurbet sind orthodox, Gurbet aus Südserbien und Bosnien sind z.T. ebenso muslimisch wie Arlije und andere vom Süd-Balkan und aus der Türkei gekommene Roma.

Die religiöse Zugehörigkeit von Roma bestimmt in erster Linie deren "Festkultur". Sie erweist sich im Fall der österreichischen Roma höchstens aufgrund der den einzelnen religiösen Bekenntnissen zugrundeliegenden unterschiedlichen Kalender als trennendes Element.

Soziopolitischer Status

Ein bei weitem stärker trennendes Element ist der unterschiedliche soziopolitische Status der einzelnen Gruppen. Laut österreichischer Gesetzgebung ist eine Volksgruppe u.a. durch die gemeinsame Sprache, ein geschlossenes Siedlungsgebiet und das Kriterium der Bodenständigkeit definiert. Bodenständig bzw. autochthon sind diejenigen Gruppen, die bereits über Generationen auf österreichischem Staatsgebiet leben; d.s. Burgenland-Roma, Sinti und die um 1900 eingewanderten Lovara, die zusammen mit den 1956 aus Ungarn gekommenen Roma bezüglich der oben angegebenen Anzahl von 50.000 maximal 10% der österreichischen Roma ausmachen.

Die 1956 aus Ungarn geflohenen Lovara, die heute in der Regel die österreichische Staatsbürgerschaft haben, werden bei strenger Auslegung des Volksgruppengesetzes, als allochthon eingestuft. Gleiches gilt für die als Gastarbeiter gekommenen Kalderaš, Gurbet, Arlije, etc. sofern sie die österreichische Staatsbürgerschaft oder eine Aufenthaltsgenehmigung haben.

In der Praxis wird diese Trennung nicht konsequent durchgeführt. Aufgrund kultureller Gemeinsamkeiten und gleicher bzw. ähnlicher Romani-Varianten ist es möglich, den Allochthonstatus sowohl der später gekommenen Lovara als auch der Vlach-Roma vom Balkan in Frage zu stellen. Deshalb werden diese Gruppen von liberalen Behördenvertretern stillschweigend den autochthonen Roma gleichgestellt und kommen z.T. ebenfalls in den Genuss der Volksgruppenrechte. In diesen Graubereich zwischen autochthon und allochthon sind z.T. auch die bereits länger in Österreich ansässigen muslimischen Roma einbezogen.4

Die Situation der Migranten der späten 80er-Jahre und der 90er-Jahre des 20. Jahrhunderts aus den ehemaligen Ostblockstaaten und aus Ex-Jugoslawien ist ebenso unterschiedlich wie die der im letzten Jahrzehnt nach Österreich gekommenen Roma. Einige habe als Flüchtlinge die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten, andere verfügen über eine unbefristete, manche nur über eine befristete Aufenthaltserlaubnis. Einige verfügen über ein Touristenvisum oder nützen die Reisefreiheit innerhalb der EU, andere haben keinerlei offiziellen Status. Viele der in den letzten 25 Jahren nach Österreich gekommenen Roma haben keine österreichische Staatsbürger. Sie sind aus Sicht der Behörden folglich geduldete Ausländer oder halten sich illegal in Österreich auf und haben demnach auch keinerlei sich aus dem Volksgruppenstatus ergebende Rechte.

Emotionale Parameter

Für das Zusammenleben der österreichischen Roma sind die demographischen Parameter von eher untergeordneter Bedeutung. Das Zusammenleben, oder besser das Nebeneinanderleben, resultiert aus den wechselseitigen Einstellungen zwischen den einzelnen Gruppen. Diese basieren zwar z.T. auf demographischen Parametern, sind aber in erster Linie von emotionalen Parametern bestimmt. Einen diesbezüglichen Überblick gibt die Tabelle 2.

Zugehörigkeit Romanipe Selbstwertgefühl "Gadže"
Bgld-Roma Österreicher österreichisch RomUngri sesshaft gering (unterlegen)
Sinti deutsch-
österreichisch
"original" "nomadisch" hoch (überlegen)
Lovara österreichisch
Banat-Roma,
Kalderaš,
Gurbet, ...
Zuwanderer
&
Ausländer
slawisch
Arlije,
Bugurdži, ...
muslimisch Xoraxane sesshaft hoch (neutral) Ø

Zugehörigkeit

Was die Zugehörigkeit anbelangt, ist bei den Roma die gleiche Bruchlinie wie in der Restbevölkerung zu beobachten: Es wird zwischen Österreichern und Nicht-Österreichern unterschieden. Diese Trennung in einheimisch und fremd entspricht nur zum Teil der soziopolitischen Unterscheidung in autochthon und allochthon, da die 1956 gekommenen Lovara heute ebenfalls als einheimisch betrachtet werden. Abgesehen von ihrer relativ langen Anwesenheit in Österreich resultiert diese positive Einstellung höchstwahrscheinlich aus der früheren Zusammengehörigkeit von Österreich und Ungarn und damit im Zusammenhang mit der positiven Aufnahme von Flüchtlingen des sogenannten "Ungarnaufstands" gegen das kommunistische Regime von 1956.

Nicht-Österreicher unterscheiden sich grundsätzlich nach ihrem soziopolitischen Status in Zuwanderer und Ausländer. Zuwanderer sind in der Regel österreichische Staatsbürger, juristisch gesehen also Österreich, oder haben eine permanente Aufenthaltsgenehmigung. In Österreich lebende Ausländer hingegen verfügen nur über befristete Aufenthaltsgenehmigung oder Nutzen als EU-Bürger die damit verbundene Reise- und Ansässigkeitsfreiheit. Für den "Normalbürger" sind Nicht-Österreicher unabhängig von ihrem soziopolitischen Status "Fremde" und die Bezeichnungen Ausländer und Zuwanderer werden folglich meist synonym mit der Bedeutung 'Fremde' verwendet.5 Im Gegensatz zum soziopolitischen Status von "Fremden" wird bezüglich deren Herkunft sehr wohl emotional differenziert. Hierbei ist neben einem Nord-Süd-Gefälle ein für die jeweilige Einstellung gegenüber einem Nicht-Österreicher bei weitem relevanteres West-Ost-Gefälle festzustellen. Während das Nord-Süd-Gefälle mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Regionen korreliert, entspricht das West-Ost-Gefälle einerseits der Trennung in politische Blöcke in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, andererseits aber auch der pejorativen Einstellung gegenüber der slawischen Bevölkerung Europas, wobei die eigenständigen Albaner und die romanischen Rumänen unreflektiert diesem slawischen Kulturkreis zugerechnet werden. Am unteren Ende der Ausländerwertigkeitsskala stehen die aus dem Südosten gekommenen Türken, die zudem aufgrund der herrschenden Islamophobie zusätzlich stigmatisiert sind. Der skizzierten Unterscheidung zwischen Österreichern und Fremden ist auch die seit Jahrhunderten tradierte ethnische Wertigkeitsskala der Österreich-Ungarischen Monarchie inhärent: den Deutschen und mit Abstrichen den Ungarn als herrschenden Völkern stehen die Slawen als beherrschte gegenüber, Türken sind als Angehörige einer ehemals bedrohlichen, konkurrierenden Macht Fremde und Gegner. Obwohl ein großer Teil zumindest der ost- und südösterreichischen Bevölkerung slawische Wurzeln hat, bestimmt diese Wertigkeitsskala bis heute das Zusammenleben der Gruppen unterschiedlicher Herkunft und ethnischer Zugehörigkeit in Österreich; nicht nur innerhalb der Mehrheitsbevölkerung sondern auch unter den Roma.

Die Romazuwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien werden folglich trotz ihrer zumeist formalen Integration, der österreichischen Staatsbürgerschaft bzw. einer permanenten Aufenthaltsgenehmigung, als fremdes Element innerhalb der österreichischen Bevölkerung gesehen; eine Wertung, die auch das Selbstbild bestimmt: Die als Gastarbeiter ab den 60er-Jahren gekommenen Roma fühlen sich fremd und werden ebenso wie Nicht-Roma-Arbeitsmigranten aus Südosteuropa sowohl von der Mehrheitsbevölkerung als auch von den länger ansässigen Roma als Ausländer gesehen, wobei Roma vom Südbalkan häufig noch mit dem zusätzlichen Stigma "muslimisch" konfrontiert sind. Die ab Ende der 80er-Jahre gekommenen Roma sind – falls sie nicht einer der bereits länger ansässigen Gruppen angehören oder nahe stehen – auch für die im Rahmen der Arbeitsmigration ab den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts eingewanderten Gruppen in der Regel Fremde bzw. Ausländer. Von dem in ihrem Selbstverständnis einheimischen Roma werden sie zumeist als Wirtschaftsflüchtlinge und Sozialschmarotzer gesehen; eine Einstellung gleich der der überwiegenden Mehrheit innerhalb der österreichischen Bevölkerung.

Fasst man den emotional besetzten Parameter Zugehörigkeit zusammen, so resultiert dieser aus der Herkunft der jeweiligen Roma-Gruppe und steht mit dem Sozialstatus der Mehrheitsbevölkerung des Emigrationslands im Verständnis der österreichischen Bevölkerung in engem Zusammenhang. Das Kriterium Zugehörigkeit ist zwar nicht deckungsgleich mit dem soziopolitischen Status der einzelnen Roma-Gruppen, korreliert aber mit diesem: Von Behörden festgelegte Statusunterschiede zwischen den einzelnen Gruppen entsprechen denen im Verständnis der Mehrheitsbevölkerung und in etwa auch den internen Unterscheidungskriterien zwischen den österreichischen Roma.6

Romanipe

Ein weiterer emotional besetzter Parameter betrifft das Kriterium der Originalität bzw. des "wahren Romatums", der Romanipe. Was unter Romanipe verstanden wird, ist keineswegs klar definiert, sondern ist für jede Gruppe in der Regel das, was im common sense als Tradition verstanden wird. Ein nicht nur unter österreichischen Roma mehr oder weniger allgemein akzeptierter Parameter ist die Dichotomie zwischen nomadisch und sesshaft. Lange sesshafte Roma gelten als assimiliert und halten sich im Verständnis derjenigen Roma, die aus ihrer Sicht in einer nomadischen Tradition stehen, nicht an die tradierten Sitten und Bräuche. Diese Einstellung ist bis zu einem gewissen Grad vom folkloristisch-romantisierenden Romabild der Mehrheitsbevölkerung, der Gadže 'Nicht-Roma', geprägt. In Folge der romantischen Suche nach dem Natürlichen, Edlen, Wahren des 19. Jahrhunderts wurde die "fahrende Lebensweise der Zigeuner" – vorerst von Ersteinwanderern nach Westeuropa wie den Sinti, den spanischen Calé und den britischen Romanichal – als ursprünglich und natürlich mystifiziert. Die Tatsache, dass es sich dabei um eine durch Marginalisierung erzwungene halbnomadische (Über)Lebensweise in z.T. stigmatisierten Nischenberufen handelte, wurde und wird z.T. bis heute ignoriert. Das Auftreten der "fremdartigen" Vlach-Roma ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat diese ethnoromantische Projektion nur noch verstärkt und in weiterer Folge dazu geführt, dass sie von eben diesen Roma selbst übernommen und gegenüber lange sesshaften Roma und den Gadže 'Nicht-Roma' als integrales Element der Romanipe präsentiert wurde und wird.

Am Balkan sind sowohl Romanipe als auch der Parameter "nomadisch" weniger von Bedeutung, werden jedoch von Vlach-Migranten In Westeuropa ziemlich schnell übernommen. Deshalb fühlen sich im österreichischen Kontext neben Sinti und Lovara in erster Linie Kalderaš als "Hüter" der Romanipe und folglich als "wahre" Roma bzw. als "original". Nomadisch ist heute keine dieser Gruppen. Nur die Erinnerung an ein Dienstleistungsnomadentum als Schmiede, Pferdehändler, Musiker, Hausierer, etc. ist bei ihnen stärker im kollektiven Bewusstsein als Teil ihrer gruppenspezifischen Tradition verankert als bei anderen Roma, die auch in ihrem Selbstverständnis als sesshaft gelten, obwohl sie z.T. ebenfalls mobilen Nischentätigkeiten nachgegeangen sind. Verbunden mit dieser aus der "nomadischen" Tradition abgeleiteten "Originalität" von Sinti, Lovara, Kalderaš und anderer Vlach-Gruppen ist häufig ein Anspruch auf Selbständigkeit, der sich darin äußert, dass Mitglieder dieser Gruppen in der Regel versuchen, von Gadže weitestgehend unabhängig zu sein: Sie präferieren berufliche Selbständigkeit und vermeiden folglich – wenn irgenwie möglich – Lohnabhängigkeit.

Innerhalb der österreichischen Roma-Sozietät gelten die Burgenland-Roma als "sesshaft". Wie bereits erwähnt, werden Burgenland-Roma pejorativ als Romungri bezeichnet, was neben Sesshaftigkeit und zumindest teilweiser Assimilation auch einen weitestgehenden Verlust der Romanipe impliziert.

Sesshaft, da in die westrumelisch-osmanische Gesellschaft seit Jahrhunderten integriert, sind auch Arlije und andere Gruppen vom Südbalkan, die von nicht-muslimischen Roma vom Balkan in der Regel als Xoraxane 'Muslime' bezeichnet werden. Die Xoraxane ihrerseits bezeichnen manchmal die Mehrheitsbevölkerung – Türken oder Albaner – als Xoraxane und die nicht-muslimischen Roma allgemein als Gadžikane Roma, wobei in diesem Fall die Bedeutung des Adjektivs gadžikano auf 'fremd' reduziert ist. Nicht-sesshafte, christliche Vlach-Roma werden von ihnen im übrigen auch als Čergarja – von čer ha 'Zelt' – bezeichnet. Dass der Terminus Xoraxane nicht unbedingt Sesshaftigkeit impliziert, zeigt sich am Beispiel der muslimischen Gurbet, die sich selbst als Xoraxane bezeichnen und von anderen nicht-muslimischen Roma häufig ebenso bezeichnet werden.

Selbstwertgefühl

Eng verbunden mit dem Parameter Romanipe ist das Selbstwertgefühl der einzelnen Gruppen. Abgesehen von den Burgenland-Roma fühlen ist bei allen anderen Gruppen durchaus hohes Selbstwertgefühl vorhanden. Sinti, und Vlach-Roma – in erster Linie Lovara und Kalderaš – fühlen sich den anderen zusätzlich überlegen, wobei unter den Anderen durchaus auch die Gadže zu verstehen sind.

Resultat dieses Überlegenheitsgefühls sind von Gruppe zu Gruppe unterschiedliche soziale Wertigkeiten. Einzig die Position der Burgenland-Roma am Ende der jeweiligen Wertigkeitsskala ist fix. Diese Positionierung der Burgenland-Roma ergibt sich – wie erwähnt – aus ihrer Sesshaftigkeit und dem – aus Sicht der anderen Roma – damit verbundenen Verlust der Romanipe. Folge dieser Einschätzung durch die anderen Gruppen ist ein Minderwertigkeitsgefühl auf Seiten der Burgenland-Roma. Sie fühlen sich als "Mischlinge", eine Bewertung die durch die Erfahrungen während der Nazi-Herrschaft verstärkt wurde: einerseits dadurch, dass die Nazis die Burgenland-Roma ebenfalls als Mischlinge zwischen Roma und dem "Abschaum der Mehrheitsbevölkerung" und folglich als "besonders unwertes Leben" betrachteten; andererseits aber auch dadurch, dass die Burgenland-Roma vom Genozid sehr stark betroffen waren, wodurch die Soziostruktur zerstört wurde und bis heute nicht wieder hergestellt ist. Die Burgenland-Roma sind also doppelt stigmatisiert: einerseits als "Zigeuner" durch die Mehrheitsbevölkerung, andererseits als "assimiliert" innerhalb der Roma-Sozietät.

Anders die ebenfalls vom Genozid stark betroffenen Sinti: Sie fühlen sich in der Regel allen Roma überlegen und legen großen Wert auf eine klare Abgrenzung zu diesen. Dieses Überlegenheitsgefühl hängt höchstwahrscheinlich mit der langen Anwesenheit der Sinti im mitteleuropäisch-deutschsprachigen Kulturraum zusammen. Ähnlich den schon lange in Deutschland und Österreich lebenden Juden der Zwischenkriegszeit, die sich von den damals einwandernden Ostjuden abgrenzten, wollen sich auch die Sinti von den "Neueinwanderern" aus dem Osten differenzieren und distanzieren sich folglich von ihnen. Das hat Ende der 80er-Jahre, zu Beginn der Emanzipationsbewegung, und im Laufe der Volksgruppenanerkennung zu Problemen geführt. Von Roma getragene Vereine, die in ihrem Namen auch die Bezeichnung Sinti geführt haben, wurden von Sinti unter Androhung gerichtlicher Schritte aufgefordert, die Bezeichnung Sinti aus ihrem Vereinsnamen zu streichen. Außerdem gab es unter den Sinti nur wenig Bereitschaft an der mit der Emanzipationsbewegung und Volksgruppenanerkennung verbundenen Öffnung gegenüber der Mehrheitsbevölkerung teilzunehmen. Das führte u.a. dazu, dass in Österreich – rein rechtlich gesehen – die Sinti unter die Bezeichnung Roma subsumiert sind. Zudem sind die Sinti an den Volksgruppenaktivitäten nur marginal interessiert und beteiligt. Es gibt keinen Verein mit ähnlicher Kontinuität wie bei denen der Roma-Vereine.

Die Vlach-Gruppen – Lovara, Kalderaš, etc. – sind in ihrem Selbstverständnis ebenfalls allen anderen überlegen. Ganz oben auf der Wertigkeitsskala steht dabei natürlich die eigene Gruppe, an zweiter Stelle die anderen Vlach-Gruppen, gefolgt von Sinti und Xoraxane, am Ende stehen die Romungri und damit auch die Burgenland-Roma. Trotzdem andere Vlach-Gruppen als relativ nahestehend und manchmal auch als beinahe gleichwertig erachtet werden, gibt es auch zwischen Vlach-Gruppen kein echtes Miteinander, sondern nur ein Nebeneinander. Auch im Wiener Verein Romano Centro, der – vielleicht als einziger Verein in Europa – mehrere Gruppen, darunter auch mehrere Vlach-Gruppen repräsentiert, kommt es nur zu einem Miteinander von Einzelpersonen der verschiedenen Gruppen. Ein gleichwertiges und gleichberechtigtes Miteinander bzw. von allen Gruppen gemeinsam getragene Aktionen und Vorhaben sind bis heute nicht zustande gekommen.

Was das Selbstwertgefühl der Arlije anbelangt, so ist dieses ebenfalls hoch, wirkt sich jedoch kaum diskriminierend aus, da es mit keinerlei offensichtlichem Überlegenheitsgefühl in Verbindung steht. Aufgrund der unterschiedlichen soziokulturellen Prägung – muslimisch gegenüber nicht-muslimisch, etc. – sind für die Arlije alle anderen Roma und auch die Sinti Gadžikane Roma, worunter sie christliche, nicht zu ihnen gehörige Roma verstehen, die andere Sitten und Gebräuche haben. Einzig die städtischere Verankerung als Handwerker, Ladeninhaber, etc. und ein gewisser Bildungsgrad mancher Arlije – grundsätzlich selbstbewusstseinsfördernde Parameter – können dazu führen, dass sie sich der nicht-städtischer Bevölkerung und damit auch Roma, die in der Landwirtschaft tätig sind oder nicht-sesshaft sind, überlegen fühlen.

Unterschiede im Selbstwertgefühl der einzelnen Gruppen reflektieren Unterschiede bezüglich des soziohistorischen Hintergrund und damit verbundene Wertesysteme, die bis heute das Zusammen- bzw. Nebeneinanderleben (mit)bestimmen.

Einstellung gegenüber Gadže

Ebenfalls Resultat divergenter soziohistorischer Entwicklungen sind Einstellungsunterschiede zwischen den einzelnen österreichischen Romagruppen gegenüber der Mehrheitsbevölkerung, den Gadže. Vorsichtige bzw. gleichgültige Akzeptanz oder Ablehnung der Gadže stehen in engem Zusammenhang mit der Aufenthaltsdauer der einzelnen Gruppen im mitteleuropäisch-deutschen Kulturraum. Während die in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts vom Balkan eingewanderten Roma der Mehrheitsbevölkerung gegenüber zwar vorsichtig, aber doch relativ gleichgültig und in manchen Fällen sogar offen sind, misstrauen die z.T. über Jahrhunderte in Mitteleuropa lebenden Burgenland-Roma, Lovara und Sinti den Gadže, wobei sich die Sinti z.T. auch von der Mehrheitsbevölkerung abschotten. Quasi im "Übergangsbereich" zwischen vorsichtiger Gleichgültigkeit und Ablehnung stehen die 1956 eingewanderten Lovara.

Die aktuelle Einstellung der einzelnen Gruppen gegenüber den Gadže hängt primär von deren Erfahrungen mit der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung ab. Während man von Balkanzuwanderern – obwohl auch stigmatisierte Randgruppe in ihren Herkunftsländern – immer wieder Berichte über ihr relativ gutes Verhältnis zur Mehrheitsbevölkerung hört, waren die seit Jahrhunderten im mitteleuropäischen Raum lebenden Roma immer diskriminierte Außenseiter mit – abgesehen von folkloristisch-romantisierenden Stereotypen – wenig bis keiner Akzeptanz seitens der Mehrheitsbevölkerung. Negativer Höhepunkt von Diskriminierung und Verfolgung war der Genozid des Nazi-Regimes, dem Burgenland-Roma, Sinti und Lovara in besonderem Maß ausgesetzt waren. Zwar waren auch die Roma in Serbien vom Holocaust betroffen, im Gegensatz zu Österreich war die serbische Mehrheitsbevölkerung daran jedoch wenig bis gar nicht beteiligt. In Österreich hat die Bevölkerung die Internierung und Verschleppung der Roma nicht nur hingenommen, sondern z.T. auch aktiv unterstützt. So haben von ca. 8.000 in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts im Burgenland registrierten Roma nur einige hundert die KZs überlebt. Die Soziostruktur aller drei Gruppen – Sinti, Lovara und Burgenland-Roma – wurde durch den Holocaust fast vollständig zerschlagen, eine Zäsur die bis heute nachwirkt und das Verhältnis zur Mehrheit (mit)bestimmt. Zudem waren Stigmatisierung und Diskriminierung mit Ende des Naziregimes keineswegs zu Ende.

Es sollte zumindest der österreichischen Bevölkerung zu denken geben, daß die negative Einstellung und das Misstrauen von Roma gegenüber Gadže proportional deren Aufenthaltsdauer im mitteleuropäisch-deutschen Kulturraum steigt.

Von Stigmatisierung und Diskriminierung sind die einzelnen Roma-Gruppen zwar unterschiedlich stark betroffen, die Ausgrenzungs- und Verfolgungshistorie ist jedoch die offensichtlichste Gemeinsamkeit und auch das wichtigste Bindeglied zwischen den verschiedenen Gruppen, nicht nur der österreichischen Roma, sondern der gesamten europäischen Roma-Sozietät.

Trotz dieses verbindenden Elements – Ausgrenzungs- und Verfolgungshistorie – ist das Zusammenleben der österreichischen Romagruppen eher ein Nebeneinander als ein Miteinander. Obwohl es zu Eheschließungen zwischen Angehörigen verschiedener Gruppen kommt, existieren keinerlei regelmäßige Beziehungen zwischen den einzelnen Gruppen. Abgesehen von sporadischen Treffen einiger weniger Vereinsaktivisten gibt es wenig Inter-Group-Kontakte und dementsprechend auch wenig Solidarität. Grund hierfür ist wiederum das über Jahrhunderte andauernde Randgruppendasein: Einerseits überlebt eine diskriminierte Minderheit leichter in kleinen Gruppen, andererseits haben marginalisierte Bevölkerungsgruppen in der Regel keinerlei Teilhabe an politischer und ökonomischer Macht, was wiederum die Entwicklung größerer sozialer Strukturen verhindert.7

Zusammenfassende Bemerkungen

Obwohl auf unzureichenden empirischen Daten basierend – die Schwierigkeiten und z.T. auch die Unmöglichkeit solche zu erhalten, wurden einleitend angedeutet – bietet obige Beschreibung eine durchaus realistische Darstellung der Situation der österreichischen Romabevölkerung. Dass es sich – wie in der Regel bei derartigen Beschreibungen – trotzdem nur um einen "bedingten" Ausschnitt der Realität handelt, hat weniger mit der primär impressionistischen Datenbasis zu tun, die "nur" auf Erfahrungen, Beobachtungen, Generalisierungen etc. beruht, sondern vielmehr mit der Tatsache, dass Bevölkerungsgruppen, insbesondere heterogene, marginalisierte Bevölkerungsgruppen einem steten Wandel unterworfen sind. Dieser Umstand wir bis zu einem gewissen Grad noch dadurch verkompliziert, dass soziale Veränderungen gerade in derartigen Bereichen nicht wirklich vorhersagbar sind. Sieht man davon ab, dass sich aufgrund der anhaltenden Ost-West- Migration in der Zusammensetzung der einzelnen Gruppen durchaus Veränderungen ergeben können, haben die skizzierten historischen, kulturellen und emotionalen Parameter durchaus Aussagekraft über die aktuelle Situation hinaus. Sie ermöglichen es nicht nur die Situation in Österreich zu erfassen, sondern stehen darüber hinaus paradigmatisch für die Romabevölkerungen mittel- und westeuropäischer Länder. Diese sind alle in gleicher bzw. zumindest ähnlicher Weise von den eingangs beschriebenen drei Migrationswellen mit gesamteuropäischen Auswirkungen betroffen und weisen deswegen auch über gleich bzw. ähnlich strukturierte Romabevölkerungen auf. Anzumerken ist in diesem Zusammenhang, dass der Plural 'Bevölkerungen' nur im einzelstaatlichen Kontext angebracht ist, handelt es sich doch grundsätzlich um eine, wenn auch heterogene Romabevölkerung Europas.

1. ^ Bezüglich Heterogenität ist anzumerken, dass es grundsätzlich keine (größeren) homogenen sozialen Gruppen gibt, Heterogenität folglich kein roma-exklusives Merkmal ist. Ähnlich ist Migration nicht nur auf die erwähnten Fälle beschränkt. Im Gegensatz zu der gesamteuropäischen Relevanz der aufgelisteten, sind andere Migrationen in ihren Auswirkungen nur auf bestimmte Regionen Europas beschränkt.

2. ^ Im common sense pluralistisch-demokratischer Gesellschaften existiert quasi ein "Selbstbestimmungsrecht des Individuums", das die Fremddefinition einer Person als Angehörigen einer ethnischen Gruppe grundsätzlich ausschließt, was zumindest indirekt auch im österreichischen Volksgruppengesetz verankert ist.

3. ^ Die Bezeichnung "Etikett" für die Charakterisierung des soziokulturellen Hintergrunds der einzelnen Gruppen ist hier bewusst als Metapher für die oberflächliche Kategorisierung eines komplexen Inhalts gewählt.

4. ^ Den juristischen Stellenwert der Unterscheidung zwischen allochthon und autochthon verdeutlicht der im Jahr 2000 in Kraft getretene Anhang zum Artikel 8 des Österreichischen Bundesverfassungsgesetzes: (1) Die deutsche Sprache ist, unbeschadet der den sprachlichen Minderheiten bundesgesetzlich eingeräumten Rechte, die Staatssprache der Republik. (2) Die Republik (Bund, Länder und Gemeinden) bekennt sich zu ihrer gewachsenen sprachlichen und kulturellen Vielfalt, die in den autochthonen Volksgruppen zum Ausdruck kommt. Sprache und Kultur, Bestand und Erhaltung dieser Volksgruppen sind zu achten, zu sichern und zu fördern.

5. ^ Auf die Unzahl an sogenannten "politisch korrekten", euphemistischen Kreationen wie "Österreicher mit Migrationshintergrund" kann in diesem Zusammenhang nur verwiesen werden.

6. ^ Eine Tatsache, die sich durchaus negativ auf die Emanzipationsbestrebungen auswirkt, da autochthone Roma-Vertreter diese Unterscheidungen als Argument einsetzen, um ihren Anteil an öffentlichen Geldern möglichst hoch zu halten.

7. ^ Aufgrund der internationalen Emanzipationsbestrebungen und dem Engagement immer mehr junger Roma und Romnija mit höherem Bildungsgrad, Selbstbewusstsein und Reflexionsvermögen über die Rolle von Tradition als Teil der Integration in eine moderne Gesellschaft beginnen sich langsam informelle Strukturen über Gruppengrenzen hinaus zu etablieren, die aber wohl nur dann zu formellen Strukturen beitragen können, wenn ihnen im Rahmen von supranationalen Organisationen und Gemeinschaften echte Chancen und die notwendigen Rahmenbedingungen geboten werden.