Home > Österreich > ROMANI Projekt

Das Österreichische ROMANI-Projekt

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Sprache und Kultur der Roma an der Universität Graz begann Anfang der 1990er Jahre. Anfänglich auf das Burgenland beschränkt, beschäftigt sich das Projekt mittlerweile sowohl mit dem Romani als europäischer Minderheitensprache als auch mit der soziokulturellen und soziopolitischen Situation seiner Sprecher im gesamteuropäischen Kontext. Abgesehen vom nach wie vor linguistischen Kernbereich, der Dokumentation der Pluralität des Romani als Teil der kulturellen Evolution, leistet das Romani-Projekt durch die praktische Umsetzung und Implementierung der Ergebnisse einen Beitrag zum Kultur- und Identitätserhalt und damit auch zur Emanzipation der Roma als europäische "Volksgruppe". Kodifizierung und Umsetzung unter Einbeziehung der Sprecher verringern zudem die Wahrscheinlichkeit von Sprachverlust und der damit verbundenen kulturellen Assimilation und leisten gleichzeitig einen Beitrag zur Steigerung des Selbstbewusstseins und in weiterer Folge zur sozioökonomischen Integrationsfähigkeit. Es handelt sich beim Romani-Projekt folglich weder um ein rein wissenschaftlich-akademisches Forschungsvorhaben noch um folkloristisch-sprachpflegerische Zwangsbeglückung, sondern um wissenschaftsbasierte Arbeiten im öffentlichen Interesse.

Initiiert wurde das Romani-Projekt vom weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannten Forscher Mozes F. Heinschink, der im Jahr 1993 als Mitglied des Wiener Vereins Romano Centro den Kontakt zwischen Emmerich Gärtner-Horvath – damals Mitglied des Verein Roma in Oberwart, heute Obmann des Vereins Roma-Service1 – und Mitarbeitern sowie Studierenden des Instituts für Sprachwissenschaft der Universität Graz herstellte. Die auf die spontane Zusage auf die Bitte seitens Gärtner-Horvaths, mitzuhelfen das Burgenland-Romani "vor dem Aussterben zu bewahren", folgende Verwirrung und Überforderung seitens der Linguisten wurde vom damaligen Leiter des Instituts für Sprachwissenschaft, Norman Denison, mit dem aus heutiger Sicht einzig richtigen Ratschlag gemildert, nämlich: linguistisches Wissen und wissenschaftliche Ansprüche zurückzustellen, zu den Roma zu gehen und sich wie Menschen zu benehmen. Es war auch die damalige Leitung des Instituts, neben Norman Denison, Hermann Mittelberger und insbesondere Karl Sornig, die den Erfolg des Projekts aufgrund ihrer wissenschaftlichen Kompetenz, aber vielmehr noch aufgrund ihrer sozialen Kompetenz und ihrer menschlichen Qualitäten ermöglichten.

Kodifizierung und Didaktisierung des Roman2

Das Roman-Projekt war am Anfang ein tastendes "learning by doing": erste, vorsichtige Abfragen und parallel dazu Projektseminare zum Thema Sprache und Kultur der Roma in denen Literatur und Wissen über Roma und Romani gemeinsam von Lehrenden und Studierenden erarbeitet wurde. Wichtigster Faktor in dieser Anfangsphase war jedoch die aktive Teilnahme des Forschungsteams am Vereinsleben der Burgenland-Roma und die Mitarbeit an deren Veranstaltungen. Das daraus entstandene Vertrauensverhältnis war Basis für die im folgenden durch die wichtigsten Ergebnisse kurz skizzierte erfolgreiche Zusammenarbeit, die durch Ereignisse um den Mord an vier Roma im Februar 1995 zwar kurzfristig gefährdet war, aber nie ernsthaft in Frage gestellt wurde:

1995: erste Publikation, die Alphabetfibel Amen Roman Pisinas 'Wir schreiben Roman';

1996: Grammatik, Glossar, Texte und Lehrmaterialien;

1997: Außerschulische Sprachkurse;

1998: bilinguale Vierteljahresschrift und Kinderzeitschrift in Roman;

1999: Roman wird erstmals im Radio verwendet und an einer Schule unterrichtet;

2000: illustrierter Märchenband und bilingualer Textband mit CD.

Durch das Projekt hat sich der Status des Burgenland-Romani innerhalb eines Jahrzehnts grundlegend verändert. Zu Beginn wurde das Roman öffentlich fast nicht wahrgenommenen, kaum noch tradiert und immer weniger verwendet. Es war eine vom Aussterben bedrohte, mündliche "Sprache" einer marginalisierten und auch innerhalb der Roma isolierten Gruppe, die zudem auch noch von ihren Sprechern gering geschätzt wurde. Unter anderem, aber nicht nur durch die Projektarbeiten, sondern auch aufgrund der allgemeinen politischen Entwicklung ist das Roman heute die prominenteste Varietät einer offiziell anerkannten österreichischen Minderheitensprache und wird sowohl in den Medien verwendet als auch unterrichtet. Darüber hinaus ist das Roman aber auch zum primären Identitätsfaktor nicht nur seiner wenigen kompetenten Sprecher, sondern der überwiegenden Mehrheit der Burgenland-Roma geworden.

Voraussetzung hierfür waren – neben der erwähnten Vertrauensbasis zwischen Linguisten und Roma – die Tatsachen, dass die Initiative von den Roma selbst ausging, die beteiligten Roma die Linguisten als Experten respektierten, die Roma selbst aktiv und gleichberechtigt in den Arbeitsprozess einbezogen waren und die Ergebnisse von einem in weiten Kreisen der Burgenland-Roma akzeptierten und geschätzten Repräsentanten propagiert und verbreitet wurden. Dadurch war es auch möglich, nach einer krisenhaften Situation im bis dahin Projekt tragenden Verein Roma,3 die weitere Umsetzung – Ausbau des Sprachunterrichts, weitere Verwendung des Roman in den Medien, etc. – dem 2004 neu gegründeten Verein Roma-Service zu übertragen. Dieser von jungen Roma und ehemaligen Mitarbeitern des Projekts getragene Verein setzte bzw. setzt den mit der Kodifizierung begonnen Prozess erfolgreich und selbständig fort.

Die Kodifizierung des Lovara-Romani

Nach dem Vorbild des Roman-Projekts begann 1996 die vom Verein Romano Centro inititierte Kodifizierung der Romanes-Variante der österreichischen Lovara. Unter anderem aufgrund eingeschränkter personeller Ressourcen war in diesem Vorhaben kein Nebeneinander, sondern nur ein Nacheinander von Kodifizierung und didaktischer Umsetzung möglich. Erste Ergebnisse lagen dennoch – ähnlich wie im zuvor beschriebenen Roman-Projekt – nach ca. drei Jahren vor:

1999: Grammatik, Glossar, und Textsammlung;

2000: Illustrierter Märchenband;

2001: bilingualer Textband und CDs.

Eine Umsetzung der Ergebnisse ähnlich dem Roman-Projekt blieb im Fall der Lovara-Romani-Kodifizierung aus. Zwar wurden vermehrt Lovara-Romani-Texte in der Zeitschrift Romano Centro veröffentlicht und Lovara-Romani war eine der Varietäten, die in der gleichnamigen monatlichen Radiosendung von März 1997 bis Mai 2000 verwendet wurden, eine didaktische Umsetzung fand jedoch nicht statt. Das lag und liegt nur zum Teil an den unterschiedlichen soziokulturellen Bedingungen von Lovara und Burgenland-Roma: erstere leben einigermaßen sozioökonomisch integriert über das Stadtgebiet von Wien verteilt, letztere eher sozial marginalisiert in Dörfern und Kleinstädten des Burgenlands; Lovara sind im Gegensatz zu Burgenland-Roma in der Regel selbstbewusst und fühlen sich nicht nur anderen Roma, sondern meist auch den Gaže 'Nicht-Roma' überlegen; Burgenland-Roma verfügen über eine bessere Organisationsstruktur und damit auch Lobby in der Mehrheitsbevölkerung, etc. Ausschlaggebend für den geringen Umsetzungsgrad der Ergebnisse des Lovara-Projekts sind jedoch das mangelnde Interesse der österreichischen Lovara, das Fehlen einer allgemein akzeptierten Autorität und vor allem die Einstellung das Romani sei die Sprache der Vergangenheit, einer glorifizierten Zeit des wahren "Romatums", Romanšago.

Obwohl die Ergebnisse der Kodifizierung des Lovara-Romani didaktisch und zum Teil auch medial nicht umgesetzt wurden, kann man das Projekt nicht als gescheitert betrachten. Durch die Aufzeichnungen wurde sowohl ein Teil der kulturellen Evolution dokumentiert, als auch eine Grundlage für mögliche Umsetzungswünsche künftiger Generationen geschaffen.

Die österreichischen Romani-Varietäten

Die Arbeiten am Burgenland- und Lovara-Romani wurden hauptsächlich aus Mitteln der Volksgruppenförderung des Bundeskanzleramts gefördert und seitens des österreichischen Bildungsministeriums und der EU kofinanziert. Das Roman-Projekt wurde zusätzlich vom Land Burgenland unterstützt, das Lovara-Projekt vom Jubiläumsfonds der österreichischen Nationalbank.

Mithilfe der Volksgruppenförderung wurden die Aktivitäten im Romani-Projekt ab 1999 auf weitere vier in Österreich gesprochene Romani-Varietäten ausgeweitet, nämlich Arlije-, Gurbet-, Kalderaš- und Sinti-Romani.

Die österreichische Roma-Bevölkerung ist ähnlich der anderer mittel- und westeuropäischer Staaten heterogen, was sich grundsätzlich auf drei große Migrationsbewegungen mit gesamteuropäischen Auswirkungen zurückführen lässt:

  • Migration / Ersteinwanderung – indigene Roma-Bevölkerung, die meist seit dem 15. bzw. frühen 16. Jahrhundert im jeweiligen Gebiet lebt;
  • Migration / Vlach-Migration – Vlach-Roma, die sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts ausgehend von der Walachei, Moldawien und benachbarten Gebieten in Folge soziopolitischer Veränderungen wie Abschaffung von Leibeigenschaft und Sklaverei in diesen Ländern weltweit verbreitet haben;
  • Migration / (Süd)Ost-West Migration – Arbeitsmigranten und Flüchtlinge, die ab den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts aus Ost- und Südosteuropa in den wirtschaftlich höher ent­wickelten und soziopolitisch stabileren Westen Europas gekommen sind.

Ersteinwanderer auf heute österreichisches Staatsgebiet sind Sinti und Burgenland-Roma. Im Rahmen der Vlach-Migration sind Lovara um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gekommen. Diese drei Gruppen werden soziopolitisch als autochthon bzw. indigen gesehen, die anderen, im Rahmen der dritten Migration nach Österreich eingewanderten Roma gelten als allochthon bzw. als Migranten. Die folgende Liste gibt einen Eindruck von der Vielfalt des österreichischen Romani:

Gruppe Zweig Varietät
NORDWESTLICH SINTI-MANUŠ Sinti-Romani
ZENTRAL NÖRDLICH Ost-Slovakisches-Romani, ...
SÜDLICH Burgenland-Romani, ...
VLAX NÖRDLICH Banatoske-Romani, Kalderaš-Romani, Lovara-Romani, ...
SÜDLICH Gurbet-Romani, ...
BALKAN BALKAN I Arlije-Romani, Prilep-Romani, Prizren-Romani, ...
BALKAN II Bugurdži-Romani, ...

Wie bereits erwähnt, konzentrieren sich die Arbeiten des Romani-Projekts ab 1999 auf sechs Varietäten dieser Vielfalt, auf Arlije-, Burgenland-, Gurbet-, Kalderaš-, Lovara-, und Sinti-Romani. Dabei werden vor allem vorhandene oder durch Feldforschung erstellte Textsamples lexikalisch und grammatikalisch ausgewertet. Die Ergebnisse werden entweder als Arbeitsberichte bzw. als Teil von Reihen publiziert oder in internationale Teilprojekte integriert. Einen Überblick über die publizierten Resultate gibt die folgende Liste, wobei anzumerken ist, dass auch in diesem Fall die ersten Publikationen ca. drei Jahre nach Arbeitsbeginn erscheinen:

2003: Alphabetfibel Ramosaras Romanes in Kalderaš-Romani;

2003: Glossar des Kalderaš-Romani;

2003: bilingualer Textband aller in Österreich gesprochenen Romani-Varietäten mit CDs;

2004: Glossar des Arlije-Romani;

2006: bilingualer Textband des Gurbet-Romani;

2009: bilingualer Textband des Arlije-Romani.

Mitte 2009 wurde das Romani-Projekt in den neu gegründeten Forschungsbereich Plurilingualismus am treffpunkt sprachenZentrum für Sprache, Plurilingualismus und Fachdidaktik der Universität Graz integriert. Gleichzeitig wurde der mit dem Forschungsbereich assoziierte Verein [spi:k]Sprache, Identität, Kultur mit den österreich-spezifischen Romani-Aktivitäten betraut. Nach dem Verein Roma-Service ist der Verein [spi:k] der zweite Ableger bzw "spin-off" des Romani-Projekts. Die internationalen Kooperationsprojekte zum Romani werden weiterhin an der Universität Graz im Rahmen des Forschungsbereichs Plurilingualismus durchgeführt.

Internationale Aktivitäten

Die Internationalisierung des Romani-Projekts begann Mitte der 1990er Jahre mit ersten Präsentationen von Ergebnissen auf wissenschaftlichen Tagungen. Dadurch kam es auch zu ersten Kontakten mit dem mittlerweile engsten Kooperationspartner, dem Manchester Romani Project, das von Yaron Matras seit den 1990ern an der University of Manchester geleitet wird.4 Weitere langjährige Partnerschaften bestehen mit dem an der Aarhus Universitet tätigen Linguisten Peter Bakker und Kollegen von der Karls Universität Prag. Letztere Kooperation ist die Fortsetzung der engen Zusammenarbeit zwischen der leider zu früh verstorbenen Indologin und "Romologin" Milena Hübschmannová und dem Inititiator und eigentlichen Begründer des österreichischen Romani-Projekts Mozes F. Heinschink. Aus letzterer Kooperation resultierte auch das erste nennenswerte internationale Projekt im Rahmen des EU-Bildungsprogramms:

ROMBASE – Didactically edited information on Roma – Dieses im Sokratesprogramm (87757-CP-1-2000-1-AT-Comenius-C2) zwischen 2000 und 2003 durchgeführte Projekt produzierte eine multimediale Online-Kulturdokumentation mit pädagogisch-didaktischem Kommentar.5

Neben Kooperationspartnern von der Karls Universität Prag waren Kollegen der Universität Ljubljana und des Phonogrammarchivs der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am Projekt beteiligt. Die österreichischen Aktivitäten wurden von der Volksgruppenförderung des Bundeskanzleramts kofinanziert, die slowenischen Arbeiten vom Austrian Science and Research Liaison Office in Ljubljana.

Unter den auf ROMBASE basierenden Folgeaktivitäten ist das nächste Projekt wohl das wichtigste und auch nachhaltigste:

FACTSHEETS – Die Produktion von Informationsmaterialien zu Geschichte, Kultur, Literatur, Musik und Sprache der Roma im Auftrag und in Kooperation mit dem Projekt Education of Roma Children des Europarats ist,6 wie eben erwähnt, eine direkte Folge und Fortsetzung von ROMBASE. Der weitere Ausbau dieser flexibel und offen angelegten Materialiensammlung wird mittlerweile vom Projekt [spi:k] betreut. Ebenfalls vom Europarat, in diesem Fall von der Language Policy Division, wurde das im folgenden skizzierte, derzeit laufende Projekt initiiert:

QUALIROM – Quality education for Romani in Europe – Bei diesem, vom Lifelong Learning Programme der EU (511678-LLP-1-2010-1-AT-KA2-KA2MP) finanzierten und der österreichischen Volksgruppenförderung sowie dem Bildungsministerium kofinanzierten Kooperationsprojekt handelt es sich um eine Pilotstudie zum Curriculum Framework for Romani (CFR) und den zugehörigen European Language Portfolio Models (ELPs).7Framework und Portfolios wurden von der Language Policy Division des Europarats unter aktiver Beteiligung von mittlerweile verantwortlichen Mitarbeiterinnen im QUALIROM-Projekt nach dem Vorbild des Common European Framework of Reference for Languages (CEFRL) entwickelt. Im Rahmen des Projekts werden auf Basis des Framework Curriculum for Romani

  • Lehrmaterialien in verschiedenen Romani-Varietäten sowohl für Primär-, Sekundär- und Tertiärstufe als auch für die Erwachsenenbildung produziert,
  • Probeunterricht mithilfe dieser Materialien auf allen Bildungsstufen durchgeführt und
  • Aus- und Fortbildungsmodule für künftige Lehrer des Romani entwickelt.

Neben der Universität Graz als koordinierendem Partner nehmen die Universitäten Beograd, Helsinki, Novi Sad und Prag aktiv an Lehrmittelerstellung und Probeunterricht teil; das European Center for Modern Languages und das in Bukarest angesiedelte Centrul National de Cultura Romilor sind in beratender Funktion einbezogen.

Ebenso wie die Produktion der FACTSHEETS und die Arbeiten im Rahmen von QUALIROM, ist auch das abschließend skizziert Projektvorhaben keineswegs abgeschlossen:

ROMLEX – The lexical database of Romani8 – Dieses Vorhaben geht auf eine Initiative von Yaron Matras / University of Manchester aus dem Jahr 2000 zurück. Struktur und Technolgie dieser Ressource wurden unter der aktiven Beteiligung von Peter Bakker / Aarhus Universitet sowie von Viktor Elšík / Karls Universität Prag auf Basis der bereits vor 2000 im Grazer Romani-Projekt vorhandenen elektronischen Dokumentation des lexikalischen Bestands in Österreich gesprochener Romani-Varietäten entwickelt. Anfangsphase und Ausbaustufen bis 2008 wurden in etwa gleichen Anteilen vom Open Society Institute / Budapest und der österreichischen Volksgruppenförderung finanziert. Seit 2008 wird ROMLEX vom österreichischen Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) gefördert (P20756-G03). In diesem, bis Ende 2012 laufenden Arbeitsschritt werden u.a. zehn der prominentesten Romani-Varietäten bzgl. eines Basiswortschatzes von 5000 Lexemen harmonisiert. Allgemeine Ziele von ROMLEX sind

  • die Dokumentation der lexikalischen Vielfalt des Romani unter Einbeziehung möglichst vieler Übersetzungssprachen; derzeit: 27 Romani-Varietäten, 16 Übersetzungssprachen;
  • varietätenspezifische Wörterbücher;
  • etymologie-basiertes Wörterbuch des Romani.

Im Laufe der Zeit werden auch mehr Suchoptionen über das Web-Interface zur Verfügung stehen und bereits jetzt in der dahinter liegenden elektronischen Ressource vorhandene Informationen verfügbar sein. Trotz verschiedener kleinerer und größerer Unzulänglichkeiten ist ROMLEX aber schon jetzt die primäre Internetressource zum Vokabular des Romani und wird ähnlich frequentiert wie Online-Wörterbücher mancher Nationalsprachen.

Neben diesen, vom österreichischen Romani-Projekt koordinierten Kooperationen gibt es immer wieder auch andere Partnerschaften. In diesem Zusammenhang erwähnenswert sind die Beteiligung an der Erstellung der Romani Morpho-Syntax Database und an ROMIDENT. Beide Kooperationsprojekte werden vom Manchester Romani Project koordiniert.

Österreichischer Beitrag in ROMIDENT – The role of language in the transnational formation of Romani identity (09-HERA-JRP-CD-FP-030) ist die Analyse der funktionalen Erweiterung des Romani in formell-schriftliche Domänen, sowohl des daraus resultierenden Sprachwandels als auch der damit verbundenen lexikalischen Expansion.

Diese und andere internationale Kooperationen und Kontakte resultierten in weiterer Folge in der Veranstaltung von Workshops und Tagungen – beispielsweise der 6th International Conference on Romani Linguistics 2002 und dem Annual Meeting of the Gypsy Lore Society 2011 – sowie von nationalen und internationalen Aus- und Fortbildungsveranstaltungen – wie beispielsweise Pestalozzi-Seminaren des Europarats zu Geschichte, Kultur und Sprache der Roma. Dabei wurde immer versucht, Roma und Roma-NGOs aktiv einzubeziehen.

Resumee

Die eben erwähnte aktive Einbeziehung von Roma in den Arbeitsprozess hat sich im Laufe der verschiedenen Aufgabenstellungen und Tätigkeiten des österreichischen Romani-Projekts als primärer Erfolgsfaktor im Bereich der angewandten Forschung und der Umsetzung von Forschungsergebnissen erwiesen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist aber die Art und Weise der Einbeziehung. Es ist sinnlos Roma, nur weil sie die Sprache sprechen, als die einzigen wahren Romani-Experten zu erachten. Die von Roma-Aktivisten immer wieder geäußerte Meinung, nur Roma dürfen zum Romani arbeiten, ist ebenso unsinnig, wie Sprecher und Sprechergruppen nach dem Muster der Ethnographie des 19. Jahrhunderts als bloße Forschungsobjekte zu betrachten. Ebenso in den Katalog der Unsinnigkeiten aufzunehmen ist linguistische Forschung ohne Einbeziehung der Sprecher einer Sprache. Da derartige Ergebnisse primär aus der Analyse von Publikationen – Grammatiken, Wörterbüchern, Textsammlungen, etc. – resultieren, basieren sie nicht auf Daten, sondern auf bloßen Interpretationen von Daten mit all den zugehörigen Unwägbarkeiten und Schwächen.

Die Einbeziehung der Sprecher bzw. der Roma in die Gewinnung von Daten, nicht nur als Informanten, sondern als "Feldforscher" macht hingegen durchaus Sinn. Entsprechendes Training der Roma vorausgesetzt, sind Sprachaufnahmen und Abfrageergebnisse von Roma mit Roma in der Regel bei weitem natürlicher und aussagekräftiger als solche von Wissenschaftlern, da deren Außenseiterstatus als Störfaktor wegfällt. Das ROMLEX-Projekt ist in diesem Zusammenhang noch einen Schritt weiter gegangen: Finanziert vom Open Society Institute der Soros Foundation haben in den ersten Arbeitsphasen 16 junge Roma und Romnja an der lexikalischen Erfassung der von ihnen gesprochenen Romani-Varietäten aktiv mitgearbeitet. Sie haben dadurch nicht nur einen Beitrag zu ROMLEX geleistet, sondern haben darüber hinaus als gleichberechtigte Teammitglieder im akademischen Kontext Erfahrungen sammeln können. Bei einigen hat das sicherlich dazu beigetragen, dass sie eine akademische Ausbildung abgeschlossen haben und heute gut ausgebildet und kompetent für die politischen Interessen und soziokulturellen Bedürfnisse der Roma eintreten und z.T. auch professionell dafür arbeiten.

Gleichberechtigung ist eine weitere Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit von Roma und Wissenschaft. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass jede an einem Vorhaben beteiligte Person unabhängig von ihrem jeweiligen Hintergrund, Vorwissen und Fähigkeiten die gleichen Aufgaben übernehmen kann, sondern dass jede der beteiligten Personen ihre spezifischen Fähigkeiten gleichermaßen für ein gemeinsames Ziel einsetzt. Diese Art von Kooperation setzt wechselseitigen Respekt voraus. Dass dieser häufig nicht gegeben ist, hat meist mit divergierenden Zielen der an einem Projekt Beteiligten zu tun. Wissenschaftlern geht es manchmal bloß um Karriere, Status und Eitelkeit, beteiligten Roma z. T. nur um Prestige und materielle Absicherung; denkbar schlechteste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit und relevante Ergebnisse.

Gleichberechtigte Kooperation darf aber keineswegs zur unreflektierten Grundvoraussetzung jeglicher Zusammenarbeit zwischen Roma und Wissenschaft werden. Die Einbeziehung von Roma in angewandte Forschung und deren Umsetzung aufgrund von Political Correctness ist wohl ebenso abzulehnen, wie der oben erwähnte Forschungsobjektzugang nach dem Muster der Ethnographie des 19. Jahrhunderts. Nur gleichberechtigte Zusammenarbeit aus pragmatischen Gründen und aufgrund vernünftig reflektierter Überlegungen in Bezug auf gemeinsame Ziele gewährleisten wechselseitigen Respekt zwischen den Beteiligten, der für erfolgreiches Arbeiten und brauchbare Ergebnisse Grundvoraussetzung ist. Dass im österreichischen Romani-Projekt nach diesem Grundsatz gearbeitet wird, ist einerseits den Eingangs erwähnten akademischen Mentoren, Norman Denison, Hermann Mittelberger und Karl Sornig, ist andererseits aber auch Verdienst des Intitiators und bis heute Supervisors, Freunds und Mitarbeiters des Projekts, Mozes F. Heinschink. Im Mittelpunkt seiner Neugier und seines Interesses standen nie Roma als bloße Objekte, sondern immer Menschen, die oft gute Bekannte, z. T. auch Freunde wurden. Eine Grundeinstellung angewandter Forschung im soziokulturellen Kontext, die mit ihm und durch ihn im österreichischen Romani-Projekt seinen Ausdruck findet.

1. ^ Zu den Vereinen siehe deren Web Sites: www.romano-centro.org, www.verein-roma.at, www.roma-service.at.

2. ^ Die Selbstbezeichnung der Burgenland-Roma für ihre Sprache ist Roman; Resultat der Auslautverkürzung bei hochfrequenten substantivierten Adjektiven: Romani> Roman. Parallel dazu Gadžikani > Gadžikan 'Sprache der Nicht-Roma, der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung', in diesem Fall 'Deutsch'.

3. ^ Derartige Krisen treten in Organisationen mit soziopolitisch schwer umsetzbaren Zielen nach einer gewissen Zeit nicht nur häufig, sondern fast regelhaft auf.

4. ^ siehe: http://romani.humanities.manchester.ac.uk/

5. ^ Siehe: Rombase

6. ^ siehe: Rombase und http://www.coe.int/t/dg4/education/roma/

7. ^ http://www.coe.int/t/dg4/linguistic/minorities_romani_en.asp

8. ^ ROMLEX